Wo wandelten einst die Flaneure?

Die Aicherpassage des Mozarteum von 1978 - Eine Angelegenheit der Stadt

Bestandsanalyse ∕ Teil 3



Trotz der vielen räumlichen Eigenheiten, die das Mozarteum von 1978 an sich hatte, war eine der problematischsten die sogenannte Aicherpassage. Ohne die Aicherpassage hätte man vieles erklären, noch verstehen und vielleicht sogar entschuldigen können. Doch mit der Aicherpassage wurde alles absurd. Die Aicherpassage war kein originärer Programmpunkt des Mozarteums, sondern in erster Linie eine Angelegenheit der Stadt.

Die Passage führte als langgestreckter verwinkelter Gang parallel zur Dreifaltigkeitsgasse vom Mirabellplatz zum Makartplatz. Sie ersetzte einen Gehweg, den man in den 1970er Jahren zugunsten des Autoverkehrs von der Straße kurzerhand ins Innere des Gebäudes verlegt hatte. Die Durchführung hatte den Charakter eines vorübergehenden Provisoriums und nicht den Anspruch eines dauerhaften innerstädtischen Wandelgangs.

 

 

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Ehemalige Aicherpassage von 1978 vor dem Umbau


In Ermangelung eines Vorplatzes - und sei es nur eines Gehwegs - konnte man das Gebäude von der Dreifaltigkeitsgasse aus nicht betreten. Doch auch mit Gehweg wäre dies nicht möglich gewesen. Die Portale des ehemaligen Lodronschen Primogeniturpalastes waren nämlich seit über zwanzig Jahren dauerhaft verschlossen. Die Eingangsstufen waren zurückgeschnitten und als Scheinstufen ausgebildet. Jedoch auch mit begehbaren Stufen oder offenem Portal hätte man das Gebäude an dieser Stelle nicht betreten können. Der Bereich dahinter war nämlich mit einer Ausgleichstreppe verbaut.

Ganz augenscheinlich war das Portal nicht mehr zum Gebrauch bestimmt, sondern zum formalen Element einer potemkinschen Fassade deklariert worden. Dem Betrachter wurde ein Palast vorgegaukelt, hinter dessen barocken Fassade man einen modernen Institutsbau betrieb. Keinen halben Meter vor dem verschlossenen Portal brauste der Verkehr vorbei.

 


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Portal ehem. Primogeniturpalast vor Umbau
Dreifaltigkeitsgasse 2003

 

Mit der Aicherpassage hatte man in den 1970er Jahren versucht, eine moderne und zeitgemäße Antwort auf die Anforderungen des Verkehrs zu finden. Durch die strickte Trennung der Verkehrsströme konnten Fahrzeuge und Fußgänger schnell und sicher vom Mirabell- zum Markatplatz geführt werden. Die Festlegung hatte für die Architektur jedoch zur Folge, dass man das Gebäude nicht mehr von seiner prominenten Hauptseite, von der Dreifaltigkeitsgasse aus, sondern von der weniger prominenten Stirnseite, vom Mirabellplatz aus, betrat. Dort führte eine ca. 2 x 2 m große Öffnung in die Passage. Sie war alles andere als ein qualitätsvoller städtischer Ort. Kurioserweise hatte man in die Passage auch den Eingang in die renommierte Universität Mozarteum gelegt.

 


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Mozarteum 1978, Architekt Eugen Wörle
Erdgeschoß mit Aicherpassage

 
In der Passage begegnete man einem ganz anderen Salzburg. Fern waren alle Motive und Assoziationen, die man von dieser Stadt haben mochte. Der Weg hatte so gar nichts mit den räumlichen Qualitäten einer barocken oder modernen Stadt zu tun. Barockes Lebensgefühl war am Ort schon vor langer Zeit erloschen und die Moderne in ihrer wahren Qualität noch nicht angekommen. Niemand flanierte hier im traditionellen oder Benjaminschen Sinne. Es gab keine „eleganten Seiten,“ „die ihr Licht von oben erhalten“. Nicht die Ahnung einer „Magie der Ecke“. Kein Leiten „durch eine entschwundene Zeit“. Es fehlten die Eindrücke und es folgte deshalb auch nicht die Inspiration „dass eine solche Passage eine Stadt, ja eine Welt im kleinen ist“. ¹


Die vielen Bilder, die jeder von Salzburg in sich trägt, mussten andernorts entstanden sein. Geschlossene Wände, leeren Vitrinen, Gestank und der dröhnende Verkehrslärm waren hier die einzigen Begleiter. Die abstrakte Erinnerung an den Namenspatron Anton Aicher stand schließlich als blanker Zynismus für eine verlorene Zeit. Sein Name musste am Ende für die Tristesse dieser innenliegenden Straße herhalten. Die meisten hatten seitdem seinen Namen mit einer Unterführung und nicht mit dem Salzburger Marionettentheaters in Verbindung gebracht, dessen Begründer er war und das sich einst in diesem Haus befunden hatte.

Nebenbei erzählte mir zu Beginn der Planung ein Techniker, dass es in der Passage ursprünglich eine Bank gegeben hätte, die dreimal überfallen wurde. Die Anekdote schob ich damals dem Reich der Legendenbildung zu. Ich zweifelte an dieser Geschichte und sah darin den gelungenen Versuch, einen unglaublichen Zustand lebhaft zu veranschaulichen. Heute, nachdem die Passage nahezu komplett zurückgebaut ist, mutet die Anekdote tatsächlich wie eine Legende an, bei der am Ende die Wirklichkeit von der Fantasie gar nicht mehr zu trennen ist.

 

 

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Ansicht Mirabellplatz 1978 mit Eingang Aicherpassage

 

Beim Wettbewerb für den Neubau und die Generalsanierung war die Passage zwingend zu erhalten. Neben den technischen Anforderungen wie die Sicherstellung einer Busspur, bestand ein städtisches Servitut, welches die durch das Gebäude geführte Wegeverbindung vom Mirabell- zum Markatplatz rechtlich fixierte. Unser Konzept bot dem Bauherrn und der Stadt jedoch die Möglichkeit, das bestehende Wegerecht aus dem ehemaligen Palast in die neue Halle und den Vorplatz zu verlegen. Dem Mozarteum bot sich damit die Möglichkeit, ein neues Entree am Mirabellplatz zu bekommen. Ein Potential, für das sich alle Parteien gleichermaßen einsetzten. Stadt und Haus begegnen sich seitdem hier einander.

 

 

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Ansicht Mirabellplatz - Vorplatz Mozarteum 2006



01 ∕ 2012
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Andrew Phelps
Robert Rechenauer Architekten

Literaturhinweise
¹ Benjamin Walter, Das Passagen-Werk, hg. v. Rolf Tiedemann Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main 1982

 

 

 


 

 

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