Der Altar - eines der ältesten Möbel

 

 

Die ersten Christen hatten den Altar in Einzelteilen in den Raum gebracht. Ich kann mir gut vorstellen wie sie erst die Stipes - das Gestell - hereintrugen und dann die Mensa - die Tischplatte - darauf legten. Erst als beides sicher stand, deckten sie den Tisch und brachten darauf die Gaben dar. Der Altar gehört so zu den ältesten Möbeln, die wir kennen. Er wurde erst nach und nach zum festen Ort.

Der Gestaltung des Altars entwickelte sich mit der Liturgie. Die anfängliche Beweglichkeit hatte sicherlich viel mit der Unsicherheit zu tun, die jedem Beginn anhaftet; der neue Glauben mussten sich erst formieren. Doch schon bald sah man in dem Mobilem etwas Profanes und suchte nach etwas Verbindlichem. Galt es doch, unter dem Protektorat des Kaisers, die grosse Masse der römischen Bürger im ganzen Reich zu einer bislang nie da gewesenen Glaubenseinheit zusammenzuführen. Aus dem beweglichen Gabentisch wurde ein unverrückbarer Opfertisch, der sinnbildlich für den Felsen stand, auf dem Christus und seine Anhänger ihre Kirche errichteten. Die Vorstellung ging einher mit der Konzentration auf jene Stelle, auf die man den Altar schließlich verbindlich setzte. Sie wurde zu einer geheiligten Stätte, einem „liturgischen Ort“. Seine künstlerischen Interpretationen führten zu unterschiedlichen Formen.

 

 

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Altarraum in der Kathedrale Terracina

 

Mit festen Orten kann man schlecht umziehen. Die Gemeinde der Simeonskirche konnte bei der Translation ihrer Kirche - die Pfingsten 2015, keine 100m weiter - im ehemaligen Café Nashorn ihre neue Bleibe fand, den schweren „zu groß gewordenen“ Altar von 1964 nicht mitnehmen. Sie benötigte einen Ersatz. Wie sollte er sich gestalten?

 

Am Anfang stand allein der Entwurf des Ortes: der Raumplan war geklärt, die Kirchenfenster gesichert und das Licht von oben postiert. Dem Altar war in der neuen Kirche ein fester Ort zugedacht, allein die zukünftige Gestalt war offen. Ich war mir sicher, dass die „Idee der Diaspora“ tragen würde; von ihr ging der alles ordnender Impuls aus. Mit dieser Gewissheit wollte ich mit all jenen, die später an dem Altar wirken würden, die zukünftige Gestalt entwickeln. Was folgte, war ein spannender Kreativprozess, den zu beschreiben mir als Architekten die Worte fehlen. Schließlich waren alle an ihm beteiligt: die Pfarrerin, der evangelische und katholische Pfarrer, der Kirchenvorstand und Bauherr, die Planer und die Handwerker, denen am Ende anvertraut war, die Idee zu materialisieren. 

 

 

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Mensa und Stipes in der Simeonskirche

 

Mensa und Stipes bestehen aus unterschiedlichen Materialien: einer trapezförmigen Platte aus massiven Eichenholz und einem bronzenem Fuss aus Tombakblech. Für den Bauherrn, dem Augustinum, war das Material Holz für die Mensa von elementarer Bedeutung, da es nicht für das Opfern, sondern für das Feiern steht. Der Schreiner Klaus Mildenberger hat die Jahresringe des 1m breiten und der 14cm starken Brettes, das in einem Stück aus dem Stamm geschnitten war, gezählt und seine Geschichte recherchiert: der Baum wurde 1781, also wenige Jahre vor der französischen Revolution, in der Champagne im Herzen Frankreichs gepflanzt und 221 Jahre später geschlagen. Da das Brett für den Schiffsbau bestimmt war, trennte man es nicht weiter auf, sondern lieferte es an eine Werft in Holland, wo es 12 Jahre lagerte. Dann kaufte es ein Holzhändler aus Schongau, vom Allgäu gelangte es schließlich in die Werkstatt des Schreiners. Der hat die Rinde von den Rändern entfernt und das Brett gehobelt, ansonsten aber in seiner gewachsenen trapezförmigen Form belassen. Beibehalten wurde auch der durchgehende Schwundriss, der die Platte an einer Seite spaltet. Das Holz wurde in seiner ihm eigenen Charakteristik ganz ins Projekt übernommen. Der Schreiner bereitete lediglich die Oberfläche mit einem sehr feinen Schliff für die Nutzung als Altartisch vor. 



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Die Mensa in der Werkstatt von Klaus Mildenberger


Das massive Eichenholz mit seinem warmen Farbton und den ihm eigenen haptischen Qualitäten stellt einen gestalterischen Zusammenhang zum Kirchengestühl her, das ebenfalls aus massivem Eichenholz gefertigt wurde. In einer angedeuteten Circumstanz reihen sich die Bänke wie Stühle um den Tisch; sie stehen für die feiernde Simeonsgemeinde.

Der Schmied Stephan Klein formte die Stipes - den Fuss, auf dem die eichene Platte liegt - aus Tombakblech. Am Altar wird die Bronze - anders als bei den anderen liturgischen Orten, wo sie als Material dominiert - als „dienendes Material“ eingesetzt. Gestalterisch vereint es ihn so mit den anderen liturgischen Orten. Ich verstehe das geschmiedete Metall als „ehernes Element“, das für Licht und Feuer steht und damit einen Bezug zu den in Blei gefassten Kirchenfenstern herstellt.

Die gestalterische „Leichtigkeit“ von Mensa und Stipes soll den Gast nicht nur an die Beweglichkeit des frühen Altartisches erinnern, sondern auch den Gedanken der Translation zum Ausdruck bringen.


3 ∕ 2016
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Stefan Müller-Naumann
Robert Rechenauer
 

 

 

 


 

 

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