Frischer Wind

 

 

Wir haben einen neuen Imperativ: die Nachhaltigkeit. Die Baugeschichte ist voll von Imperativen, jede Epoche hatte den ihren. In Traktaten und Manifesten fordern Architekten in regelmäßigen Abständen einen Paradigmenwechsel und verschmähen dabei das gerade noch geltende. Die Ära des Wiederaufbaus unterscheidet sich dabei wenig von den vorangegangenen Zeitabschnitten: dem Faschismus, der Moderne, dem Historismus, der Renaissance, dem Mittelalter.

Im Abgleich mit den Strömungen ihrer Zeit erklären die Architekten in ihren Werken die Welt. Sie schaffen Erzählungen, erfinden Sprachen und kreieren Stile. Mal gilt das Primat der ausgewogenen Proportionen, in denen sich die göttliche Ordnung abbildet. Mal zählt das Zeigen des rohen Materials, das Stärke und Wahrhaftigkeit versinnbildlicht. Den gebildeten Architektur-Konsumenten macht dies zurecht misstrauisch.

Die unmittelbare Nachkriegszeit ist von vielen Imperativen getragen. Ein Imperativ ist die Ablehnung von Symmetrien, ein anderer die Ablehnung von steilen Giebeln und geneigten Dächern. Sie stehen für das überkommene „Führerprinzip“ und die Ideologie von „Blut- und Boden“. Der wahrscheinlich stärkste Imperativ ist jedoch das Gebot des Schweigens. Alexander und Margarete Mitscherlich beschreiben ihn als „Die Unfähigkeit zu trauern“. Der Wiederaufbau folgte dem Untergang. Ihn hatte schließlich die gleiche Gesellschaft verschuldet, die nun dabei war, sich selbst neu zu erfinden. Ein Gebot der Stunde, man sprach von der „Stunde Null“. Die dringlichste Aufgabe war die Überwindung der Katastrophe. Das elementare Bedürfnis nach einem Dach über dem Kopf stand an erster Stelle, an zweiter, wie und in welcher Sprache dies zu bewerkstelligen sei: die Frage nach den Ressourcen und der Architektur. Ernsthaft in Frage kam dabei nur die Moderne, da sie die notwendigen Werkzeuge bot. Eine mit Baustoffen sparsam umgehende, auf Standardisierung angelegte Bauweise versprach einen schnellen Baufortschritt. Flachdach und Asymmetrien lieferten neue Narrative.

Dem Blick nach vorne folgt der nächste Imperativ: Konsum und grenzenloses Wachstum. Alle wissen jetzt: die Ressourcen an Land und Rohstoffen sind begrenzt. Wachstum auf der einen, stellt Verdrängung auf der anderen Seite dar. Natur und Landschaften verschwinden, Arten sind bedroht, Abfall stellt die größte Herausforderung dar. Der Umfang des Wiederauf- und Darüberhinausgebauten ist immens, die Gestaltung dahinter nur schwer zu erfassen: ein Gewirr an Aussagen und Interpretationen.

Mit dem Sterben der letzten Zeitzeugen geht eine Änderung der Erinnerungskultur einher. Das Schweigen, das schnell zu Vergessen führt, zeigt unerwartete Nach- und Nebenwirkungen. Trotz bewegter Formen, schlanker Profile und bunter Farbe, kommt die Architektur des Wiederaufbaus nicht immer leicht daher. Der Umgang mit dem inzwischen in die Jahre gekommenen Erbe der Nachkriegsarchitektur scheint schwieriger als je zuvor. Dem Erhalt des Bestehenden Priorität beizumessen, wie dies der BDA in seinem Positionspapier „Das Haus der Erde“ angesichts der Klimakrise fordert, bringt frischen Wind in die Debatte. In der zunehmend emotional geführten Auseinandersetzung um die richtige Sicht der Vergangenheit, entdeckt eine neue Generation nicht nur das authentische Zeitzeugnis, sondern auch die graue Energie, die in den Gebäuden gespeichert ist. Zudem tritt die Architektur selbst als Lehrmeisterin hervor, wenn sie zeigt, wie man mit ausgefeilten Konstruktionen und ausgewähltem Materialeinsatz ressourcenschonend bauen kann. Dünne Decken und schlanke Profile waren nicht nur Ausdruck einer neuen Ästhetik, die sich im bewussten Gegensatz zum massiven Bauen das Faschismus verstand, sondern auch Ausdruck einer Umgangsweise mit knappen Ressourcen.

Architekturen erzählen immer mehrere Geschichten. Der Gedanke der Nachhaltigkeit eröffnet den Gebäuden des Wiederaufbaus seine Zukunft.

 

3 ∕ 2021
Robert Rechenauer

 

 

siehe auch BDAtalk , Das Debattenmagazin des BDA Bayern