Konzertsaal von vorne gedacht



Nehmen wir an, es gäbe ihn bereits, den ultimativen Konzertsaal für München: er läge am rechten Ort, hätte die richtige Architektur und brächte großartige Konzerte hervor. Wir besäßen dieses Meisterwerk und es wäre von solch „außergewöhnlichem universellem Wert“, dass die Weltgemeinschaft übereinkommt, dieses Stück Architektur in die „Liste der Welterbestätten" aufzunehmen.

Hinter der Liste der „UNESCO-Welterbes“ steht ein völkerübergreifender Vertrag, in dem festgelegt ist, dass es ein gemeinsames weltweites Kulturerbe gibt. Das Besondere daran ist, dass darin nicht nur bestimmte Kulturstätten hervorgehoben und unter Schutz gestellt werden, sondern die Aussage, dass dieses Erbe nicht das Eigentum einer Einzelperson, einer juristischen Gesellschaft, einer Kommune oder Nation ist, sondern, dass es allen gehört. Dieses geradezu unglaubliche Bekenntnis zu einem gemeinsamen weltweiten Kulturverständnis, das in dieser Form einmalig ist, sprengt alle territorialen und religiösen Grenzen.

190 von 193 Staaten haben bislang diesen Vertrag ratifiziert. Keine andere Übereinkunft genießt weltweit solch großen Zuspruch wie dieses Gesetz, das - trotz der aktuellen Zerstörung von Welterbestätte - Hoffnungen weckt.
Seit 2003 unterstützen die „Vereinten Nationen“ neben dem Schutz der Stätten auch den Schutz und Erhalt des „immateriellen Kulturerbes“. Gemeint sind damit die Ausdrucksformen von Kreativität und Erfindergeist wie Tanz, Theater, Musik wie auch Bräuche, Feste und Handwerkskünste“. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben und fortwährend neugestaltet und vermitteln so Identität und Kontinuität. So wurde unlängst am 30 03 2016 „der Orgelbau und die Orgelmusik als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit“ bei der UNESCO in Paris nominiert. Am 29 04 2016 fand der „UNESCO-Welttag des Jazz“ statt.

 

Tatsächlich war bei den Kulturbauten das Immaterielle vom Materiellen noch nie so richtig voneinander zu trennen, ruft doch das eine das andere hervor. Erst die Kunstwissenschaften des 19. Jahrhunderts haben diesen Versuch mit großen Nach- und Nebenwirkungen unternommen. Dabei treffen bei keiner Bauaufgabe die beide Prinzipien von „materiell“ und „immateriell“ so stark aufeinander wie beim Bau eines Konzertsaals; was das Thema so spannend und einzigartig macht. Seitdem Musik in Gebäuden betrieben wird, nimmt sie Einfluss auf die Architektur. Umgekehrt nahm die Architektur schon immer Einfluss auf die Musik. In einem Konzertsaal gibt eine enge Symbiose von Materiellem und Immateriellen. Jeder Raum eignet sich nicht für jede Musik, jede Musik nicht für jeden Raum. Das „rechte Zusammenspiel“ von Musik und Architektur bedeutet „gute Akustik“. Die Akustik ist der Schlüssel zur gemeinsamen Gestaltungs- und Wirkungskraft.

 

Eine der größten europäischen Errungenschaften ist die sinfonische Musik; sie ist einzigartig und so einnehmend, dass sie Einzug in den weltweiten Musikbetrieb gefunden hat. Damit dies überhaupt möglich wurde, mussten ganze Industrien, spezielle Hochschulen, große Orchester und - eben - Konzerthäuser errichtet wurden. Instrumentenbauer, die über ein hochspezielles Wissen über ausgewählte Hölzer und ausgefeilte Handwerkstechnik verfügten, waren nur ein kleiner Teil einer unermesslichen Wertschöpfungskette, deren Glieder sich mit dem Faktor einer immensen Vielfalt an unterschiedlichen Instrumenten und Kompositionen multiplizierten, hinter denen nicht nur die kulturelle Vielfalt Europas, sondern am Ende der ganze Globus stand. Komponisten, Dirigenten, Musiker, Organisatoren und Techniker fügten alle Glieder zu einem wahrhaft orchestralen Gesamtkunstwerk zusammen: eine Tradition, die bis in unsere Tage nahezu ungebrochen Bestand hat.       

 

Am Ende dieser gigantischen Kette steht in der Wahrnehmung vieler, der Abend für einige Wenige. In diesen Wenigen wird zudem von den Vielen in den Wenigen ein ausgewähltes „elitäres“ Publikum gesehen, für das jede Förderung ohnehin obsolet scheint. Der immense Aufwand der notwendig ist, diesen Musikbetrieb am Leben zu halten, lohne sich nicht. Vor allem rechtfertige er nicht den hohen Aufwand an privaten und öffentlichen Geldern, die anderswo dringender benötigt werden. Zudem grenze er andere Musik aus. Zurecht wird die Frage gestellt, ob es angesichts der zur Neige gehenden Ressourcen, der klimatischen Veränderungen, den zunehmenden Umweltkatastrophen, dem Bevölkerungswachstum, den Kriegen und Flüchtlingsströmen, schließlich den fehlenden Wohnräumen und Schulen nicht dringlichere Aufgaben gibt als den Ruf nach einem neuen Konzertsaal, in dem die „klassische“ sinfonische Musik kulminiert.

Der gemeinsamen Sache ist nicht gedient, wenn wir den ökologischen Kollaps und soziale Ungerechtigkeiten gegen unser kulturelles Erbes ausspielen; ebenso wenig führt der zermürbende Streit um die rechte Förderung von sogenannter Sub- und Hochkultur weiter. Uns trägt eine gemeinsame Kultur, die nicht der Verhandlung, sondern der gegenseitigen Wertschätzung bedarf. Sie spendet Heimat und Identität. Im kriegszerstörten München war eine der ersten Gesten des Wiederaufbaus das berühmte Kammerkonzert der Philharmoniker inmitten der Ruinen des Grottenhofs der Residenz.

Was wollen wir unseren Kindern übergeben?
Wir sollten diese Errungenschaft - dieses Welterbe der sinfonischen Musik - nicht aufgeben und diese nahezu endlose Kette der Wertschöpfung keiner kleinen „vermeintlichen“ Elite überlassen, sondern dieses Erbe weitergeben und allerorts den Bau eines Konzertsaals als Gemeinschaftsprojekt - sei es als Kommune, Staat oder „Vereinte Nationen“ - selbst in die Hand nehmen.
Konzerthäuser stehen noch keine auf der offiziellen UNESCO-Liste unseres Welterbes, zweifelsohne sollten welche darauf stehen. Lasst uns daran arbeiten!


5 ∕ 2016
Robert Rechenauer

 

 

siehe auch BDAtalk , Das Debattenmagazin des BDA Bayern