Korinthisch - zu Abstrakt ∕ zu Konkret

Lasst uns noch einmal von Vorne beginnen

 


1953 war - wenngleich in leicht veränderter Form - die Kuppel der St. Hedwig-Kathedrale wieder hergestellt. Seit 1773 hatte sie maßgeblich das Bild der Friedrichstadt in Berlin bestimmt. Bei einem Fliegerangriff wurde das Gotteshaus am 2. März 1943 von einer Bombe getroffen, sie brannte dabei vollständig aus. Erst 1963 konnte der Wiederaufbau nach dem Entwurf des Architekten Hans Schwippert vollendet werden. Mit dem Umbau des Altarraums zu einer "Confessio" - das bedeutet: einer Zweigeschossigkeit, die den Altrarraum mit der darunter liegenden Krypta verbindet - transformierte er die Kathedrale zu einem eigenwilligen Gotteshaus, das unter allen Kirchenbauten der Nachkriegszeit seinesgleichen suchte. Die angestammte Rotunde gliederten jedoch weiterhin die zwölf Säulenpaare, auf denen das umlaufende Gebälk ruhte. Das Gebälk trugen allerdings nicht mehr die korinthischen Kapitelle, die einst den Raum feierlich schmückten, sondern alleine die purifizierten Säulenschäfte, die nunmehr ohne weiteres Auflager die Traglast übernahmen. Die Kapitelle hat man bei der Restrukturierung der Wandvorlagen entfernt und bei der Gelegenheit auch die Schäfte geglättet. Sicherlich war der prägende Schmuck stark in Mitleidenschaft gezogen, gingen doch einige Winter und Regenfälle über die offene Konstruktion hinweg. Dennoch hätte man ihn - mit anderen Gesinnung - sicherlich retten und überliefern können. Doch die „Ordnung“ und ihr Schmuck passten nicht zum progressiven liturgischen Programm der Diözese.


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Altarraum nach 1945


Einst stellten auch hier die Säulen die edelsten Bauteile des Gebäudes dar. Die korinthische Ordnung stand für den Anspruch des Entwurfs. Auf den Kapitellen ruhte das Dach des Hauses, wenn nicht gar der ganze Himmel. Mit ihrer Eliminierung nahm man den Säulen nicht nur ihre Anmut, sondern auch die Würde. Das Ergebnis waren abstrakten Bauteile, die nunmehr kompromisslos die Wände säumen. Ihre Gestalt prägt nicht mehr die Geschmeidigkeit der zarten Wölbung, sondern die sterile Geometrie des glatt geschliffenen Zylinders. Die alles in Spannung versetzende Entasis fehlt, es herrscht die gerade Linie. Anstatt des angestammten floralen Blatt- und Wurzelwerks determinieren austauschbare „Beilagscheiben“ die Übergänge. Das verweilende oder umherschweifende Auge des Besuchers findet keine Haftung mehr.

Geradezu einfach erscheint rückblickend der Weg, der vom floralen Ornament der Korinthischen Ordnung zur abstrakten Stereometrie der neuen Säulen führte. Geradezu schwierig scheint die andere Richtung - den Weg fort vom Abstrakten, hin zu einer Weiterführung der alten Ornamente zu finden. Zumindest der Versuch, diesen Weg ein Stück weit zu verfolgen, wäre die Sache auf alle Fälle wert.

Auf welche Formensprache würden wir am Ende treffen?

 

Die Korinthische Ordnung galt als die Vornehmste aller Säulenordnungen, ihre Schmuckformen waren den Tempeln und Kirchen vorbehalten. Ihr Name führt zu einer Stadt, in der griechische Bildhauer die ersten Gestaltungsversuche unternahmen. Kallimachos war angeblich ihr Erfinder. Er lies sich von den Blättern des Akanthus, dem „wahren Bärenklau“ inspirieren.

Lasst uns doch noch einmal von vorne beginnen!

 

 

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Akanthusblatt



2 ∕ 2016
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Auslobung Wettbewerb St. Hedwigs-Kathedrale
Robert Rechenauer