Moderne Technologien in historisierendem Gewande

Besonderheiten der Konstruktion und des Denkmalschutzes beim ehemaligen Sebastianspital in Nürnberg



Anfang des 20. Jahrhunderts war das ehemalige Sebastianspital in Nürnberg nicht nur der steingewordene Ausdruck moderner Krankenpflege und kommunaler Versorgung, sondern auch ein frühes Beispiel für den gelungenen Einsatz von neuesten Baukonstruktionen und Technologien. Weit gespannte Eisenbetondecken und ein passives Lüftungssystem wiesen die gesamte Anlage als ein Meisterwerk der Ingenieurskunst aus. Die Fortschrittlichkeit war dem Gebäude von außen jedoch nicht anzusehen, denn über die technischen Errungenschaften täuschte das im Stil der Neorenaissance gehaltene Gewand der Fassaden hinweg.

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Querschnitt ehemaliges Sebastianspital
Entwurfsplanung H. Wallraff 1910

 

 

Dickes Mauerwerk verbarg ein ausgeklügeltes Schachtsystem, über das Frischluft in die dicht belegten Bettensäle gelangte.

Dazu befand sich im Innenhof der Anlage ein sogenannter Luftbrunnen, in den die kühle Außenluft fiel. Mannshohe Kanäle führten unter dem Hof die Luft in die Flure der Untergeschosse, die klimatisch als Frischluftkammern funktionierten. Das kalte Mauerwerk kühlte im Sommer die Luft herunter. Im Winter hingegen wurde sie in den Gängen mit Unterstützung der Gebäudeheizung vorgewärmt. Die natürliche Thermik brachte die vorkonditionierte Luft dann über die gemauerten Schächte in die Räume der darüber liegenden Geschosse. Dies geschah ohne jegliche mechanische Unterstützung oder Gebäudetechnik. Die großen Speichermassen der massiven Wände kam dabei dem Prinzip der vorgeschalteten Kühlung oder Erwärmung entgegen. In beiden Fällen funktionierten sie als Wärme- bzw. Kältespeicher.


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Untergeschoss Sebastianspital mit Frischluftkammern
Entwurfsplanung H. Wallraff 1910


So lautete damals zumindest die Idee. Das System stellte gewissermaßen eine Art passive Lüftungsanlage dar. Im Zuge der allgemeinen Energieeinsparung bringt man heute dieses physikalische Prinzip bei neuen Gebäudekonzepten in applizierter Form wieder zum Einsatz. Unseren Ansprüchen würde die alte Anlage jedoch nicht mehr genügen. Die hygienischen Bedingungen wären mangelhaft, die mögliche Luftwechselrate  für eine dauerhaft gute Luftqualität zu niedrig, das Prinzip der einfachen Vorkonditionierung zu träge und nicht wirklich steuerbar. Zugerscheinungen und Schallschutz stellten ein dauerhaftes Problem dar. Von Komfort wäre keine Rede.

Dies waren sicherlich die Gründe, die schon im letzten Jahrhundert zur nahezu kompletten Beseitigung dieser passiven Lüftungsanlage führten. Der baukünstlerisch aufwändig gestaltete Luftbrunnen, der einst auch den Innenhof als sozialen Treffpunkt schmückte, wurde zu dieser Zeit zurückgebaut. Die Schächte in den Wänden sind heute vermauert und verschlossen. Einzig die beiden Frischluftkanäle, die einst die kühle Luft vom Brunnen zu den Fluren führten, sind derzeit unter dem Hof als letzte Überreste dieser raffinierten Anlage noch vorhanden.

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Ehemaliger Luftbrunnen im Innenhof
Sebastianspital 2010


Nahezu unverändert präsentieren sich hingegen die weit gespannten Eisenbetondecken in den ehemaligen Bettensälen. Während die Außenwände aus dickem konventionellem Mauerwerk gefertigt sind, bestehen die Geschoßdecken aus 8cm starken Platten aus Eisenbeton. Im festen kraftschlüssigen Verbund mit Betonrippen, die mit einem regelmäßigen Raster die Untersicht der Decken strukturieren, spannen diese stützenfrei über die 8m tiefen Säle. Noch heute löst die dünne Eisenbetondecke bei den Architekten und Ingenieuren Anerkennung und Bewunderung aus, wenngleich die Materialstärke den normierten Anforderungen unserer Zeit nicht mehr standhält. Neben der geplanten Nutzungsänderung vom Spital zur Musikhochschule steht hinsichtlich der Tragfähigkeit, dem vorbeugenden Brandschutz und dem Schallschutz eine technische Ertüchtigung an.

Dies geschieht mittels einer 8cm dicken Schicht aus Spritzbeton, die von unten an die Deckenkonstruktion aufgebracht wird. Einerseits erhöht dies die für den Schallschutz dringend benötigte Baumasse, andererseits fordert die Erhöhung der Deckenstärke eine zusätzliche Ertüchtigung des Tragwerks. Stahlträger zwischen den bestehenden Betonrippen bringen schließlich die benötigte statische Leistungsfähigkeit. Doch erst der Estrich mit seiner Trittschalldämmung und das abgehängte Deckensystem erfüllen den Brandschutz und liefern die bau- und raumakustischen Qualitäten. 

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Detail zur Sanierung der Decken



Gestalterisch überzeugt das imposante Gebäude an der Veilhofstraße neben den aufgelösten Kubaturen immer noch durch seinen dezenten neobarocken Bauschmuck.

Mit der historisierenden Formensprache verlieh der Architekt Heinrich Wallraff (1858-1930) der großen Baumasse des ehemaligen Spitals eine Maßstäblichkeit, die noch heute für das ganze Quartier maßstabsbildend ist.


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Nordfassade ehemaliges Sebastianspital
Entwurfsplanung H. Wallraff 1910


Oft wird unter Denkmalschutz der seitens des Staates verordnete Erhalt von Baudenkmälern verstanden, der neben der Bewahrung der Gesamtform auch den Schutz des Bauschmucks vorsieht. So kommen beim ehemaligen Sebastianspital die besonderen gestalterischen und handwerklichen Qualitäten des frühen 20. Jahrhunderts dauerhaft zum Ausdruck. Sie bereichern heute noch die Wöhrder Vorstadt und sichern damit die Erinnerung an die vertraute Stadt. Es entsteht ein lebendiges Bild unserer Geschichte und Gesellschaft, das Besucher und Bürger gleichermaßen anregt, sich nicht nur mit dem zurückgelegten Weg, sondern auch mit seinem Fortgang auseinanderzusetzen.

 
Beim Denkmalschutz stehen jedoch nicht nur stilistisch Fragen im Vordergrund, sondern auch die Art und Weise, wie ein Gebäude errichtet wurde. Diesem Gedanken hat sich der Denkmalschutz in den letzten Dekaden immer mehr zugewandt und fordert seitdem nicht nur die Sicherung der Gestalt, sondern auch den Schutz der Konstruktion, die sich hinter einer Form verbirgt. Das historisierende Gewand der Nürnberger Neorenaissance rechtfertigt heute nicht mehr alleine den Schutz des ehemaligen Spitalgebäudes. Die raffinierten Ingenieurlösungen des frühen 20. Jahrhunderts sprechen mindestens ebenso für seinen Erhalt. Aus heutiger Sicht ist gut vorstellbar, dass nachfolgende Generationen die neuen Gipskartondecken wieder entfernen und durch ein anderes System ersetzen. Kaum vorstellbar ist hingegen, dass in ferner Zukunft ein Restaurator die neuen Stahlträger und den aufgebrachten Spritzbeton beseitigt um die originalen Eisenbetondecken wieder freizulegen. Doch noch nie konnte sich jemand so richtig vorstellen, wie die nächste Generation mit der eigenen Vergangenheit umgeht.

 

 

4 ∕ 2013
Robert Rechenauer



Bildnachweis

Stadt Nürnberg
Robert Rechenauer Architekten

 

 

 


 

 

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