Passagen-Werk am Mirabellgarten

Orte und Wege im Mozarteum



Der Begriff der Passage ist vieldeutig. Vieldeutig wird er verwendet und entsprechend unterschiedlich verstanden. Als Durchgang zwischen Häusern, Abschnitt eines Textes, Figur eines Musikwerks, Schiffs- oder Flugreise, Begegnung zweier Himmelskörper. All den Bedeutungen gemeinsam ist, dass bei der Passage Raum und Zeit zusammen kommen. Leitet sich die Herkunft des Wortes doch von lateinisch Passus - der Schritt - ab. Der Schritt überwindet den Ort und durchmisst den Raum. Gleichermaßen beendet er den Stillstand und baut die Dauer auf. Der Dauer der Zeit oder Größe des Raumes kommt dabei zunächst keine Bedeutung zu. Die Passage ist an keinen Maßstab gebunden. Ob Gasse oder Furt, Seeweg oder Weltraummission, ein kleiner Schritt kann einen großen Fortschritt, ein Augenblick die Ewigkeit bedeuten.

Die Architektur kennt die Passage von alters her als Durchgang, die Gasse. Doch wenn ursprünglich bei der Passage Bewegung und Raum noch eins waren, ist die Gasse nur noch die starre Form einer städtebaulichen Figur. Nur ein kleiner etymologischer Seitenast des Begriffs kumuliert in einer eigenen Architekturgattung. Im 19. Jahrhundert taucht die Passage nämlich als eigenständiger Bautyp in der verdichteten Großstadt auf. Die Gasse wurden dort auf Höhe der Traufe um einen baulichen - meist transparenten - horizontalen  Abschluss ergänzt. Aus einem Außenraum wurde so ein Innenraum. Man kennt die Passage seitdem als überdachte Ladenstraße. Der Philosoph, Literaturkritiker und Übersetzer Walter Benjamin hat ihr sein unvollendet gebliebenes Lebenswerk gewidmet - das Passagen-Werk.

 

… Ein „Illustrierter Pariser Führer“ sagt: „ Diese Passagen, eine neuere Erfindung des industriellen Luxus, sind glasgedeckte, marmorgetäfelte Gänge durch ganze Häusermassen, deren Besitzer sich zu solchen Spekulationen vereinigt haben. Zu beiden Seiten dieser Gänge, die ihr Licht von oben erhalten, laufen die eleganteste Warenläden hin, so dass eine solche Passage eine Stadt, ja eine Welt im kleinen ist.“

Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Exposé

Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts

 

 

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Paris, Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts

Das überlieferte Werk besteht vornehmlich aus einer Sammlung von Text-Passagen, die offensichtlich die Grundlage für das spätere Werk bilden sollte. Ein erstes in sich geschlossenes Fragment stellt dabei Walter Benjamins Exposé zur „Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ dar. Das Fragment existiert in verschiedenen Varianten und taucht an verschiedenen Stellen in seinem Gesamtwerk auf. Dies mag der Grund dafür sein, dass sein späterer Herausgeber den Aufsatz dem Passagen-Werk voranstellte. Walter Benjamin beschreibt darin den Handel als elementare Triebkraft und ausschließliche Funktion der Passage.

Der Versuch, den Bautypus der Passage alleine aus den ökonomischen Bedingungen herzuleiten, führt in die Irre, da er nur einen Teilaspekt aus der unermesslichen Fülle der Text-Passagen aufgreift. Steigt man tiefer in den nahezu unergründlichen Fundus des Manuskripts der überlieferten Aufzeichnungen und Materialien ein, wird schnell klar, dass es Walter Benjamin um mehr ging als die soziökonomische Herleitung eines gründerzeitlichen Bautyps. Sätze wie: Erst das Zusammentreffen zweier verschiedener Straßennamen macht die Magie der Ecke, lassen Benjamins Herangehensweise und Denken erahnen. Erst in der Zusammenschau der Aufzeichnungen und Materialien eröffnen sich einem die kulturgeschichtlichen Dimensionen, die dem Werk zu Grunde liegen. Es tut sich die abgrundtiefe Weltanschauung auf, aus der es sich schöpft. Es geht um nichts anderes als die schwer zu fassenden Geheimnisse der Stadt.

 

 

Den Flanierenden leitet die Straße in eine entschwundene Zeit. Ihm ist eine jede abschüssig. Sie führt hinab, wenn nicht zu den Müttern so doch in eine Vergangenheit, die ums so bannender sein kann als sie nicht seine eigene, private ist.

Benjamin Walter, Das Passagen-Werk, Materialien M - Der Flaneur (M1,2)

 

 

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Vorplatz Univerität Mozarteum
Mirabellplatz Salzburg

 

 

Was hat all dies alles mit dem Mozarteum zu tun?

Die öffentlichen und halböffentlichen Räume des Mozarteums und die Pariser Passagen des XIX. Jahrhunderts haben eine große Gemeinsamkeit. Sie sind keine statischen Orte, sondern stellen Räume des Übergangs dar. Am Mirabellplatz wird das stadträumliche Gefüge des Vorplatzes formal weiter in die Halle getragen, die ihrerseits ganz den baukünstlerischen Gestaltungsmerkmalen des klassischen Platzes oder der Straße genügen. Die Gasse am Solitär führt in den Gartenhof und von dort weiter in den Mirabellgarten.

 

Vom Vorplatz begleiten raumhohe Fenster ins Gebäude, die sich in der Halle in offene Laubengänge auflösen. Die innen liegende Fassade wirkt mit seinen Öffnungen und der eingestellten Haupttreppe wie das Proszenium eines Raumtheaters, das den Raum wie eine Bühne bespielt. Die Gänge bilden mit dem brückenartigen Verbindungssteg, der den Erschließungsring über dem Eingang schließt, umlaufende Tribünen. Für das Haus funktionieren sie als Orte der Begegnung. Schaufenster gewähren einen Blick in die Unterrichtsräume und vermitteln so die Nutzung nach außen. Trotz der klar definierten formalen Grenzen, genügen sich die Räume nie selbst, sondern sind immer schon ein Teil des nächsten. Die Wege sind Passagen im ursprünglichsten Sinne ihrer Bedeutung - eben Orte des Übergangs.

 

 

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Passagen-Werk am Mirabellgarten
Pappe, Plexi, Leim  2003

 

Im Hinblick auf den Bautypus ist interessant, dass der Vorgängerbau des Mozarteums bereits über eine Passage verfügte. Die ehemalige Aicherpassage führte einst im Gebäudeinneren vom Mirabell- zum Markatplatz. Im Zuge der Generalsanierung ist sie in der Architektur der Halle aufgegangen. Bemerkenswerterweise hat dabei ein bestehendes Servitut, das der Stadt ein Wegerecht durch das Haus sicherte, das gestalterische Konzept maßgeblich befördert. War jedoch die Aicherpassage eine dunkle, unübersichtliche und unattraktive Fußgängerdurchführung, die keine visuellen Anreize oder Ausblicke bot, so entspricht jetzt die neue glasbedeckte Halle, die ihr Licht von oben erhält, ganz dem klassischen Bautypus der Passage wie man sie aus der Baugeschichte kennt. Es ist allerdings nicht alleine das Licht von oben, das dem Raum seine Berechtigung als Passage gibt.

 

 

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Halle Universität Mozarteum als Passage


Der Halle wohnt - wie der Passage - etwas anarchisches inne. Sie ist ein städtebauliches Hybrid, das keinen eindeutigen Regeln gehorcht, sondern sich seine eigenen Gesetze schafft. Sie unterläuft den Gestaltungskanon des tradierten Städtebaus, der vorgibt, wie ein Platz, eine Gasse oder Straße auszusehen hat. Wie einst die Pariser Passage private Grundstücke zu einem neuen gemeinsamen - quasi öffentlichen - Raum zusammen führte, so verbindet die Architektur der Halle verschiedene Gebäudeabschnitte zu einem neuen Ganzen. Das Alte, Vergangene, Verschwundene wird dabei zum Geheimnis. Es macht die Magie des Ortes aus.



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Passagen im Mozarteum

 

Walter Benjamin hat die Passage für die Literatur entdeckt. Doch vielleicht war es gar nicht seine Absicht, ein Stück Literatur daraus zu machen. Möglicherweise genügten ihm die Fragmente des ständig wachsenden Zettelkastens des Manuskripts der Aufzeichnungen und Materialien, die sich wie eine Sammlung von Orakeln zu immer neuen Zusammenhängen ordnen ließ. Niemand kann sagen wie und ob Walter Benjamin sein Werk zu Ende geführt hätte. Die Fragmente wurden schließlich zweiundvierzig Jahre nach seinem tragischen Freitod publiziert.

 

Das Passagen-Werk wurde bald von interessierten Architekten wahrgenommen und ist so über die Literatur zur Architektur zurückgekehrt. Für diese Architekten ist das Werk deshalb von Bedeutung, da es sie hinter die formalen Gestaltungsmerkmale einer Architekturgattung führt. Freilich kann man anhand der Lektüre nicht entwerfen oder gebaute Architektur erkären. Das Passagen-Werk ist kein Handbuch oder Architektur-Traktat. Doch es ist ein Reservoir an Bildern, Beobachtungen, Gedanken und Ideen, die einem die kultur- und geistesgeschichtlichen Dimensonen der Passage nahe bringen. Jeder Entwurf sollte möglichst viele Passagen zulassen.

 

 

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Passage zum Mirabellgarten


 

11 ∕ 2013

Robert Rechenauer

 

 


Bildnachweis
Andrew Phelps
Robert Rechenauer

Literaturhinweise
Benjamin Walter, Das Passagen-Werk, hg. v. Rolf Tiedemann Suhrkamp Verlag Frankfurt Main 1982
Benjamin Walter, Deutsche Menschen - Eine Folge von Briefen, Suhrkamp Verlag Frankfurt Main 1972
Drosdowsky Günther (Hg.), Duden - Das Fremdwörterbuch, Dudenverlag Mannheim Wien Zürich 1982
Nerdinger Winfried (Hg.), Walter Benjamin: Eine Reflexion in Bildern, Publikation zur Ausstellung des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne, München 2011
Palmier Jean-Michel, Walter Benjamin - Lumpensammler, Engel und bucklicht Männlein, Ästhetik und Politik bei Walter Benjamin, Suhrkamp 2009 
 

 

 

 


 

 

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