Schießscharten am Mirabellgarten

Die ungeliebten Fassaden des Mozarteums von 1978

Bestandsanalyse ∕ Teil 2



Schmale Kastenfenster aus Aluminium wechselten mit Steinplatten aus Untersberger Marmor. In unserem Entwurf von 2003 spielten die 1978 für das Mozarteum errichteten Fassaden schließlich keine besondere Rolle mehr. Es war einfach klar, dass die schlitzartigen als „Schießscharten“ bezeichneten Fenster verschwinden mussten. Dies wurde vom Mozarteum regelrecht eingefordert. Waren die schmalen Fenster doch inzwischen auch von fachkundiger Stelle als wesentliche Ursache für die Erkrankung der Mitarbeiter erklärt worden. Während des Entwurfsprozesses beschäftigten mich diese Fassaden jedoch sehr. Man sah ihnen an, dass sie mit hohem Anspruch erdacht und aufwändig konstruiert waren. 


 

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Mozarteum von 1978 - Fassade Mirabellgarten

 

Darf man als verantwortlicher Architekt nach nicht einmal fünfundzwanzig Jahren solch aufwändige Konstruktionen einfach beseitigen? Diese Frage muss im Vorfeld des Wettbewerbs auch die Bundesimmobiliengesellschaft BIG als Eigentümer und zukünftigen Bauherrn sehr beschäftigt haben. 

 

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Mozarteum 1978, Architekt Eugen Wörle
Fassade Mirabellgarten

 

Das Motiv der eng gerasterten Fensterschlitze funktionierte gestalterisch nur am Mirabellgarten. Dieser Fassade müssten auch seine größten Gegner eine gewisse Noblesse zugestanden haben. Ich vermute, dass der Architekt Eugen Wörle das Schema ursprünglich nur für diese Ansicht entwickelt hatte. Gemäß dem strukturalistische Entwurfsprinzip jener Architektengeneration übertrug er es erst im Folgeschritt auf alle anderen Fassaden. Nur wenige Jahre später hätte die Postmoderne sicherlich ganz andere Lösungen hervor gebracht.
 
Die eigentliche gestalterische Problematik lag nicht im Motiv, sondern in seiner Durchgängigkeit begründet. Wörle brachte es kompromisslos bei allen neuen Bauteilen zum Einsatz. Differenzierungen gab es lediglich in den Erdgeschosszonen. Was auf der einen Seite eine dezidierte Zurückhaltung zum Ausdruck brachte, bedeutete auf der anderen Seite Monotonie und Ignoranz. Das Motiv konnte so weder die Ansprüche an den Innenhof, noch an den Mirabellplatz ausreichend bedienen.

Am Mirabellplatz konnte die neue Fassade die verloren gegangene Borromäumskirche nicht ersetzen. Weder ideell noch substanziell. Hatten großformatige Fenster den 1972 beseitigten Anbau vormals eindeutig als Kirche und somit als Kulturbau ausgewiesen, so war die monolithische Rasterfassade hierzu nicht mehr in der Lage. Die formale Gliederung in Sockel, Piano Nobile und Mezzanin, entsprach nicht den inneren Funktionen. Die Maßstäblichkeit, welche die Schlitze dem Gebäudetrakt verliehen, konnte mit den städtebaulichen Proportionen des Platzes nicht mithalten. Das Schema war zu schwach um dem Platz räumlich und gestalterisch als Widerlager zu dienen.



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Mozarteum 1978 - Ansicht Mirabellplatz


Das barocke Salzburg hatte schon immer mit der Moderne gerungen. Dieses Ringen um eine zeitgemäße Architektur, das oft einzigartige Lösungen hervorbringt, kam hier zu keinem befriedigenden Abschluss. Von Anfang an kaschierten Bäume die neue Ansicht. Fahrzeuge, Fahrradständer und Mülltonnen verstellten den unmittelbaren Zutritt. Das südliche Ende des Mirabellplatzes hatte seine städtebauliche Bedeutung verloren. Die Erdgeschosszone war geschlossen und unzugänglich. Der dunkle Eingang, der neben dem neuen Anbau an der Stirnseite des alten Borromäums in die Aicherpassage führte, war die einzige Öffnung.

Im Innenhof wirkten die Fassaden monoton. Sie erfüllten nicht die gestalterische Anforderungen an ein Atrium, das als Begegnungs- und Veranstaltungsort funktionieren sollte. Die Tatsache, dass das Niveau des Atriums eineinhalb Geschosse unterhalb des Mirabellplatzes lag, verstärkte die klaustrophobische Wirkung der gesamten Anlage.

 

 

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Mozarteum 1978 - Innenhof

 

Mit einer Breite und Tiefe von 30cm waren die Fenster einerseits zu schmal um wirklich hinausschauen zu können, andererseits wirkte das Gebäude von außen immer verschlossen. Zwar wurde im ganzen Haus musikalisch und szenisch gearbeitet, das Leben drang aber nicht nach draußen.

 

Jenseits dieser sicherlich streitbaren gestalterischen Stimmig- oder Unstimmigkeit entscheidet über die Qualität einer Gestaltung jedoch immer auch der Gebrauch und Nutzen. Was soll ein Fenster, das sich nicht öffnen läßt? Das so schmal und tief ist, dass man sich nicht hinauslehnen kann? Und was soll ein Fenster, aus dem ich ich nicht einmal richtig hinausschauen kann? In großen Räumen war es tatsachlich so, dass aufgrund der perspektivischen Wirkung ein Ausblick gar nicht mehr möglich war.

 

 

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Mozarteum 1978 - Ausblick


Von Anfang an hatten die Fassaden den Nutzern die grössten Probleme bereitet. Sie waren beim alten Mozarteum das größte Reizthema. Die Fassaden wurden deshalb beim Umbau zum neuen Mozarteum allesamt entfernt. Der Versuch, auf der Südseite, einen Teil der Fassade von 1978 zu erhalten, ist trotz Einsatz der Altstadtkommission nicht gelungen.


12 ∕ 2011
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Bundesimmobiliengesellschaft BIG
Robert Rechenauer Architekten

 

 

 


 

 

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