Schrift trifft Sprache



Die Lautschrift ist sicherlich das Komplexeste, was die menschliche Kultur hervor brachte: wenige Zeichen beschreiben und deuten die Welt. Dahinter steht die Sprache. Sprache bedeutet einerseits die Fähigkeit, wenige bestimmte Laute in nahezu unendlich vielen Kombinationen aneinanderzureihen. Andererseits das Vermögen, hinter dem Konstrukt eine verbindliche Aussage zu erkennen. Dass Sprechen und Verstehen funktionieren, verdanken wir einer Übereinkunft, die wir im Laufe unserer Evolution in einem kontinuierlichen Abstimmungsprozess trafen. Als Jäger und  Sammler verbreiteten wir die Sprache über den gesamten Erdball, die dabei immer vielschichtiger und raffinierter wurde. Wortschatz und Syntax verfeinerten wir in Auseinandersetzung mit den Orten, wo wir uns niederließen. So sprachen wir bald an verschiedenen Orten verschiedene Dialekte. Je ferner der Ort, desto fremder der Dialekt. Andere Sprachen fanden Einzug in die eigene. Lehnwörter bereicherten und differenzierten die Möglichkeiten des Ausdrucks. Auf der Suche nach dem Sinn brachten Mythologie, Glaubensfragen und die Philosophie ständig neue Begriffe hervor. Neues und zuvor nie Gedachtes kam so zur Erscheinung.

Mit unserer Schrift bilden wir mit einfachen Buchstabenkombinationen Laute nach. Eine Handvoll Zeichen genügt, alles zu fassen, was sich sagen denken fühlen läßt. Anfangs diente uns die Schrift der Erinnerung: sie dokumentierte eine Abmachung, war Vertrag, beschrieb Mengen oder gedachte wichtiger Personen, Königen, deren Namen wir in Listen führten. Die Schrift stellte ein Speichermedium dar, war gedrückt in Ton oder geritzt und gemeißelt in Holz und Stein. Später entdeckten wir, dass ihr eine besondere Schlagkraft inne wohnt und wir mit ihr Impulse setzen können, die weit über das unmittelbar Sagbare hinausreichen. Daraus erwuchsen die Lyrik, das Epos, der Roman. Die Evangelien und der Koran verkündeten frohe und prophetische Botschaften. Heute rasen „Tweets“ um die Welt und halten sie in Atem.

Bei all dem Wandel, den die Sprache durchmachte, blieb die Schrift immer die gleiche. Die Handvoll Buchstaben reichte aus, die immer größer werdende Feinheit und Raffinesse eins zu eins abzubilden. In unserem Sprachraum fand die Sprache ihren vorläufiger Höhepunkt in der Klassik. Zu keinem anderen Zeitpunkt wurde die Sprache so differenziert und prononciert verwendet wie zu Goethes Zeiten. Es heisst, dass die Sprache seitdem in Niedergang begriffen ist. Doch es war schon damals nur eine kleine Elite, die Sprache so vielschichtig und ausgewählt einsetzte und rezipierte wie die Zeitgenossen Goethes. Die Mehrzahl folgte sicherlich einfachen Worten.

Was für eine Relevanz hat das für unsere Sache, die Architektur?
Architektur ist nicht nur Sprache, Architektur ist Schrift.
Ähnlich den Lauten sind es nur wenige Elemente, die sich in der Architektur zur Sprache verdichten. Im Städtebau sind es eine Handvoll Typologien - der Turm der Block der Platz die Gasse, in der Architektur eine Handvoll Bauteile - die Stütze der Balken die Wand die Decke - die eine unendliche Vielfalt an Körpern und Räumen ermöglichen. Wie die Sprache prägt Architektur Orte, Haltungen, Formen und Stile. Jedes Bauteil trifft eine Aussage. Ein komplexes Thema.


Robert Rechenauer
23 08 2019

 

 

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