Hundertzehn Pianos für vierhundertzwanzig Betten

Das alte „Wastl" wird Musikhochschule

 

 
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Bettensaal Sebastianspital um 1919
 

Bett reihte sich an Bett, insgesamt vierhundertzwanzig Betten. Meist standen sich zwanzig solcher Betten beidseitig in einem Raum gegenüber. Aufgestellt in siebzehn Sälen und einundzwanzig Zimmern. Die Räume verteilten sich über drei Geschosse und vier Gebäudeflügel. Das ehemalige Sebastianspital präsentierte sich als eine nach aussen hin abgeschirmte Anstalt, innen verbrachten „Pfleglinge“ ihre letzten Lebensjahre. Was heute als Zumutung gilt, war vor hundert Jahren eine der größten Errungenschaften der Zeit. Pflege wurde nicht mehr nur als christliche Liebestätigkeit, sondern als bürgerliche Pflicht verstanden. Die moderne Hospizbewegung nahm ihren Anfang.

 
Rudolf Virchow, einer der bedeutendsten Mediziner des 19. Jahrhunderts, war nicht nur der Gründer der modernen Pathologie, sondern auch Protagonist einer neuen Auffassung von Krankenpflege. Aus seiner Sicht sollte die bürgerliche Gesellschaft die kirchlichen Strukturen ablösen und das Individuum in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. Die Pflege sollte qualifiziertem Personal überlassen werden und nach „rein menschlichen Aufgaben, ohne irgendeinen weiteren Nebenzweck“ ¹ organisiert sein. Er forderte die Professionalisierung der Krankenbetreuung mit einer geregelten Ausbildung und die Schaffung eines eigenen Berufsatandes.
 
 
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Ehemaliges Sebastianspital von Süden

 

Es war die Zeit, in der die Kommunen zunehmend die Aufgaben der kirchlichen Orden übernahmen und eigene Krankenhäuser errichteten. In Nürnberg ist aus der Bewegung das „Neue“ Sebastianspital hervorgegangen (1910-1914). Für den Entwurf zeichnete sich der Nürnberger Architekt und Stadtbaumeister Heinrich Wallraff (1858-1930) verantwortlich. Dem damaligen Zeitgeist und Geschmack entsprechend, wurde das neue Spital im Stil der Neorenaissance gestaltet. Der Stil verstand sich auch als Reminiszenz an die starken souveränen Stadtverwaltungen der italienischen Renaissance.
 

Nach streng funktionalen Gesichtspunkten waren die Grundrisse perfekt organisiert. Anhand der Entwurfspläne kann man sich ein lebendiges Bild vom Alltag machen, der im Haus herrschte.

 


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Ehemaliges Sebastianspital Grundrisse



Die „Säle" waren ringförmig um einen Hof angeordnet und über einen innen liegenden Flur funktional miteinander verbunden. Trotz des Ringschlusses waren Männer und Frauen strikt voneinander getrennt. Diese Trennung zog sich durch alle Bereiche. Selbst in der Kapelle, die in herausgehobener Stellung im Südflügel untergebracht war, gab es gesonderte Eingänge und Sitzplätze.


In den Scheitelpunkten der Anlage waren die Dienstzimmer für das Pflegepersonal angeordnet. Kleine Räume, von denen die  „Wärter“ zwei Flure optimal überblicken konnten. Die wenigen Quadratmeter lassen darauf schließen, dass die Stellen schwach besetzt waren. Über Fenster in den Flurwänden konnten sie die „Pfleglinge" zu jeder Zeit beobachten. Die alten Entwurfspläne lassen darauf schließen, dass zwei „Wärter“ für ungefähr achtzig männliche und eine Wärterin für ungefähr sechzig weibliche „Pfleglinge“ zuständig waren. Aus der Literatur geht hervor, dass zehn bis vierzehn Arbeitsstunden pro Tag die Regel waren. Unmittelbar neben den Dienstzimmern lagen Strafzellen.

 
Tagsüber dienten die um den Innenhof angeordneten Flure den „Pfleglingen" als Aufenthaltsfläche. Bei schönem Wetter konnten diese Bereiche um die Aussenflächen des Innenhofs erweitert werden. Treppen führten von den Fluren direkt in den baumlosen Hof und wieder zurück in die zugewiesenen Trakte. Weder die Flure, noch der allseits geschlossene Hof, waren von aussen einsehbar. Der Hof lag ein Stockwerk unter der Eingangsebene der Veilhofstraße und war so gut einsehbar und von überall optimal zu kontrollieren. Dem Entwurf lag also ein ausgeklügeltes Sicherheits- und Überwachungskonzept zu Grunde.

 

Organisation und Begrifflichkeiten legen Assoziationen zum Militärwesen und Stafvollzug nahe. Michel Foucault hatte die Einflüsse, die der Gefängnisbau auf den Spitalbau genommen hat, einprägsam beschrieben. Doch nicht „Bewachen und Strafen“, sondern „Bewachen und Pflegen“ muss die Devise für die funktional und gestalterisch perfekte Grundrissorganisation gewesen sein. Zweifelsohne war dieses Haus keine Altersresidenz im heutigen Sinne. Zwanzig „Pfleglinge" teilten sich in einem Raum vier Waschbecken. Zwei Aborte versorgten zehn Säle, hundertzwanzig Betten, ein ganzes Geschoss. Der einzige persönlicher Bereich bestand in dem kleinen Kästchen, das uniform neben jedem Bett stand. 

 
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Veilhofstraße um 1919

 
Unsere Gesellschaft hat sich über wenige Generationen grundlegend gewandelt. Die Gleichstellung des Individuums, ein neues Serviceverständnis und neue Behandlungsmöglichkeiten drängten die Prinzipien des protomodernen Krankenhausbaus in den Hintergrund. Schließlich konnte das Gebäude mit den gewachsenen Ansprüchen unserer Zeit nicht mehr Schritt halten. Was bei der Errichtung des Gebäudes noch der Inbegriff an Fortschrittlichkeit war, war ein gutes halbes Jahrhundert später für die Patienten nicht mehr hinnehmbar. Das „Wastl" hatte am Ende nur mehr den Ruf einer Verwahranstalt.

 


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Eingang Veilhofstraße


Als wir 2009 die Planung aufnahmen, waren die Betten längst verschwunden. Die 2008 neu gegründete Hochschule für Musik Nürnberg war bereits provisorisch in den Räumlichkeiten des ehemaligen Spitalgebäudes untergebracht und wartete darauf, dass das in die Jahre gekommene Baudenkmal zu einer zeitgemäßen Musikhochschule umgebaut wird. Hundertzehn Pianos sollten vierhundertzwanzig Betten einlösen. Der baukünstlerische Anspruch, dem Bau einen neuen architektonischen Auftritt zu geben und gleichzeitig die Erinnerung an das alte „Wastl“ von zu bewahren, ist die gestalterische Herausforderung, auf die wir uns mit unserem Konzept konzentrieren. 

 

 

Robert Rechenauer

12 ∕ 2011 

 

 

Bildmaterial
Stadt Nürnberg
Robert Rechenauer Architekten

Literaturhinweise
Fehring Günther P. ∕ Ress Anton, Die Stadt Nürnberg, Deutscher Kunstverlag München 1977
Foucault Michel, Bewachen und Strafen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1967
¹ Seidler Eduard, Geschichte der Medizin und Krankenpflege,
Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 1993




 

 

 


 

 

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