Kammermusiksaal im Solitär des Mozarteums

Das barocke Prinzip vor Augen

 

 

Nimmt der Ankommende seinen Weg nicht geradewegs in die gläserne Halle, sondern rechterhand in den steinernen Solitär, betritt er das Foyer einer eigenständig wirkenden Spielstätte: den Vorraum zum Kammermusiksaal der Universität Mozarteum.

Der nach oben hin offene Stadtraum wechselt zum geschlossen Innenraum. Die Energien des Eintretenden, geladen mit den Sorgen und Anforderungen des Alltags, werden auf ein Minimum des Notwendigen heruntergebremst. Der Angekommene findet Einkehr, konzentriert sich auf sich selbst und wird so auf die angekündigte Veranstaltung eingestimmt. Eine schmale Pforte markiert den Eingang. Sodann führen Himmelsleitern in die Beletage des Hauses. Eine steil ansteigende Gasse und Licht von oben weisen dabei den Weg, ebenso das lauter werdende Pallaver und die wirren Klänge von Instrumenten, die gerade gestimmt werden.

 

 

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Stiege als Himmelsleiter im Solitär

 

Auf Höhe der Beletage löst sich eine der Wände in Stelen auf, durch Schlitze fällt Licht in den Treppenraum, der Gast bemerkt das Publikum, dann das Orchester. Stiegenhaus und Konzertsaal wirken räumlich und akustisch zusammen. Schließlich öffnen sich die Stelen zur Gänze und der Besucher betritt den Konzertsaal. Der Blick schweift über die Reihen zur Bühne und weiter zur Loggia. Dort schließt sich mit dem Blick zum Mönchsberg der städtebauliche  und thematische Kontext zur barocken Altstadt von Salzburg. Hier, in der Beletage des Solitärs, fand die Kammermusik der Universität Mozarteum ihren Ort.

 

 

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Kammermusiksaal im Solitär des Mozarteums

 

 

Der Saal ersetzt den ehemaligen Leopold-Mozart-Saal, der sich ursprünglich im ehemaligen Borromäumstrakt, respektive Primogeniturpalast befand. Es handelte sich dabei nicht um einen historischen Raum, sondern um eine Neuschöpfung des Architekten Eugen Wörle aus den 1970er Jahren. Der Saal war direkt unter dem Dach gelegen und für Besucher nur schwer auffindbar. In der Fassade an der Dreifaltigkeitsgasse zeichnete sich die doppelgeschossige Nutzung nicht ab. Umso erstaunlicher war es, wenn man bei Rundgängen durchs Haus plötzlich und unvermittelt in diesen Saal gelangte. 

 

 

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Ehemaliger Leopold-Mozart-Saal,  Zustand 2002


Im Leopold-Mozart-Saal waren die Ergebnisse des Wettbewerbs von 2002 ausgestellt, ebenso fanden dort die ersten Planungsbesprechungen für den Umbau statt. Unserem Konzept gemäß wurde der Saal überplant. Es wären ansonsten nicht genug Unterrichtsräume im Haus zur Verfügung gestanden. Weder am Anfang noch am Ende hatte sich jemand für den in Auflösung begriffenen Raum eingesetzt. Die Orgel wurde schließlich in die benachbarte Andrä-Kirche transloziert, der Saal entkernt und die Zwischendecke geschlossen, sodass die oberste Geschossebene wieder durchgängig verbunden war.

Beim Neubau und der Generalsanierung von 2004 - 2006 ging der Leopold-Mozart-Saal

im Kammermusiksaal des „Solitär“ auf. Hier bot sich die Möglichkeit, einen maßgeschneiderten, gut erschlossenen, und für alle gut erreichbaren Kammermusiksaal zu realisieren, der sich mit der Loggia, auch nach aussen, klar artikulierte. Die oberirdische Trennung vom Hauptbau des Universitätsgebäudes und das eigenständig funktionierende Foyer ermöglichte zudem dem Mozarteum den Saal autark zu betreiben. Losgelöst vom alltäglichen Betrieb, kann der Saal extern vermietet werden, was für die zunehmend auf sich selbst gestellten Universitäten eine willkommene Einnahmequelle bedeutet. Dass es im Zuge der Generalsanierung gelang, an dieser prominenten Stelle einen markanten Neubau zu setzten, trug wesentlich zur Imagebildung der Universität Mozarteum bei, die zuvor über acht Jahre in Provisorien untergebracht war. 

 

 

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Grundriss Kammermusiksaal
Beletage Solitär

 

Die Struktur des Grundrisses entspricht dem Schema der Basilika: das Hauptschiff beherbergt auf Ebene der Beletage den Saal, in den beiden Seitenschiffe befinden sich die Nebenräume und - stockwerksübergreifend - die Treppenaufgänge. Die Wände zwischen den Schiffen sind in Stelen aufgelöst, die zur Hauptachse leicht verdreht sind. Das Oberlicht in den Seitenschiffen hinterstrahlt die Stelen, wodurch die Grenzen des Raumes im Saal erlebbar werden. Im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten spiegeln die Wände ganz unterschiedliche Stimmungen. Die gewählte Schrägstellung lenkt im Zusammenspiel mit den geneigten Flächen der Deckensegeln den Schall ins Rauminnere. Einerseits werden so störende Flatterechos unterbunden, andererseits für eine gute Verständlichkeit an jedem Ort  gesorgt. Im Saal nicht sichtbar sind im Bühnenbereich, hinter den Stelen, Tiefenabsorber untergebracht. Mit den Absorptionsflächen an der Rückwand und der gepolsterten Bestuhlung gewährleisten sie eine ausgewogene Raumakustik. Akustisch gesehen folgt der Raumplan dem bewährten Prinzip der „Schuhschachtel". Ein Raum-Typus, der seit dem 19. Jahrhundert den Konzertsaalbau maßgeblich prägte.

 


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Sichtbeton in Saal, Stiege und Foyer

Sichtbeton bestimmt die Gestaltung der Wände von Saal, Stiege und Foyer. Die neu geschaffenen Bereiche sollten sich so vom adaptierten Bestand absetzen und für jeden als Beitrag unserer Zeit erkennbar sein. Wie bei der Halle wurde auch bei der Gestaltung des Solitär vom Groben ins Feine gearbeitet. So wurde hier die Aussenhülle aus Halbfertigteilen erstellt, wohingegen die im Licht stehenden und den Saal begrenzenden Stelen aus Ortbeton gefertigt sind. Der Sichtbeton mit seiner samtig anmutenden Oberfläche unterstreicht die Festlichkeit des Ortes. Die präzise Ausführung, wie die durchgehende Scharfkantigkeit der Ecken, bürgt bauseits für die hohe Handwerklichkeit, die an diesem Ort gepflegt wird. Der Ortbeton an den Wänden steht in bewusstem Kontrast zu den warmen Kirschholz-Tönen an Decke, Boden und Rückwand, die in ihrer Materialität wiederum mit dem Hauptbau korrespondieren. Der Kunststein Beton, der im Konzertsaalbau kein gängiges Material darstellt, gibt dem Saal eine  eigenständige, unverwechselbare Charakteristik.


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Wechselnde Lichtführung

Das barocke Prinzip der wechselnden Lichtführung, der Kontrast von Enge und Weite, und der gezielte Einsatz von konzentrierter Einsicht und entspanntem Ausblick, bestimmt die Wirkung der Räume. Der konzeptionelle Ansatz definierte den Entwurf schon im Wettbewerb. Die Dramaturgie der gebauten Architektur war so vom Städtebau bis ins letzte Detail festgelegt.


5 ∕ 2014
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Andrew Phelps
Robert Rechenauer

Literaturhinweise
Beranek Leo, Concert Halls and Opera Houses - Music, Acoustics, and Architecture, Springer-Verlag New York 2004
Kieven Elisabeth, Von Bernini bis Piranesi - Römische Architekturzeichnungen des Barock, Stuttgarter Galerieverein e. V. ∕ Graphische Sammlung Staatsgalerie Stuttgart 1993
Pevsner Nikolaus, Euroäische Architektur, Prestel Verlag München 1963
Rüegg Arthur ∕ Gadola Reto ∕ Spillmann Daniel ∕ Widrig Michael, Die Unschuld des Betons - Wege zu einer materialspezifischen Architektur, gta Verlag Zürich 2004

 

 

 

 

 


 

 

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