Das Taufbecken - liebster liturgischer Ort



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Baptisterium Florenz, Ausschnitt Fassade


Die Taufe war im Mittelalter so bedeutend, dass dafür ein eigener Bautypus, das Baptisterium, geschaffen wurde. Die Gebäude waren meist prunkvoller gestaltet als die Kirchen, die neben ihnen standen. Die Gestaltung ging einher mit der spätantiken und frühmittelalterlichen Taufpraxis, bei der die meist erwachsenen Täuflinge ganz unter Wasser tauchten. Gedanklich griff man dabei das tradierte Bild von „Johannes dem Täufer“ auf, der - im Jordan stehend - Christus die Taufe spendete. Die frühen Taufbecken waren deswegen meist im Boden versenkte Brunnen, in die auf der einen Seite wenige Stufen hinein und auf der anderen Seite wenige Stufen hinaus führten. Den Brunnen speiste im besten Fall eine natürliche Quelle, bei der das bewegte Wasser für das Leben stand.

 


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Baptisterium Marienkirche Ephesos, ca. 6. Jh. 

 

Der Brauch änderte sich schlagartig ab dem Zeitpunkt, an dem die Christianisierung Europas abgeschlossen war. Die Bedeutung der Taufe trat zurück. Mit der Änderung verschwand das Baptisterium als eigenständiger Kirchenbau. Man abstrahierte das lebendige Bild des im Quellwasser stehenden Täuflings zu einer abstrakten Erinnerung, bei der der Akt des Gießens am Ende für die Quelle stand. Den tiefgründenden Brunnen transformierte man zu einem gestalteten Becken, das schließlich durch eine tragbare Schale ersetzt wurde. Die Täuflinge waren auch keine Erwachsenen mehr, die sich mit der Geste des Ein- und Auftauchens aktiv zum Christentum bekannten, sondern Kinder, die durch die Spende der Taufe von Beginn an im Glauben der Eltern erzogen werden sollten.

In Kirchenräumen war mir das Taufbecken immer der liebste Ort. Vielleicht lag das daran, dass es, im ansonsten streng geordneten Kirchenschema, nahezu immer an einem anderen Ort zu finden ist. Oft steht es am Eingang, manchmal in einer gesonderten Nische, selten in einem eigenen Anbau, der als Reminiszenz an das alte Baptisterium erinnert. Anderen liturgischen Orten, wie dem Altar oder dem Ambo, sind in der Kirche feste Plätze zugewiesen, doch der Standort des Taufbeckens scheint ein erstaunlich unbeschwertes Eigenleben zu führen. So richtig läßt er sich keinem rechten Schema zuordnen. Dies verleiht ihm innerhalb der fest definierten Ortsbezüge eine gewisse Autarkie und damit Aura, die im Kontext der bedeutungsschweren kirchlichen Bestimmungen frei und unbeladen scheint. Dies ist gut so, wünschen wir doch jedem Täufling eigene Spiel-, Gestaltungs- und Entwicklungsräume.



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Taufbecken Simeonskirche


In der Simeonskirche definiert die stereometrische Grundform des Zylinders die Gestalt des Taufbeckens. Der punktsymmetrische Aufbau reiht sich in die Tradition der mittelalterlichen Brunnengestaltung ein. Der Mittelpunkt des Kreises oder eines Achtecks markierte einst die Mitte, um die sich die Architektur der Baptisterien entwickelte.


Das geschmiedete, zum Zylinder geformte Tombakblech steht als „ehernes Element“ für Licht und Feuer und somit in Bezug zu den in Blei gefassten Kirchenfenstern. Das gebogene Blech wurden von Stevie Klein, dem Schmied, jedoch nicht zu einem monolitisch wirkenden Zylinder geschlossen, sondern offen gelassen. Es blieb ein Schlitz, der als „Spalt im Felsen, wo die Quelle entspringt“ das Mysterium der Taufe symbolisiert. Die Öffnung orientiert sich zur „Jordanszene“ der von Heiner Schuhmacher gestalteten Kirchenfenster, die - im Licht der aufgehenden Sonne - im Osten des Kirchenraums zu bewundern ist.

 

 

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Taufszene Kirchenfenster Simeonskirche

 

Über dem Zylinder befindet sich in der Decke ein kreisrundes Fenster, das den Taufort ins Licht stellt. Das Licht fällt in eine Mulde, die aus einem 20cm starkem Bronzeblech gefertigt wurde. Seine Oberfläche hat Stevie Klein mit einem kräftigen Hammerschlag bearbeitet. In der Mulde liegt die gläserne Taufschale, die in den Werkstätten der Mayer´schen Hofkunst geformt wurde. Kommt das Wasser in der Schale in Bewegung, glitzert es im Licht.


7 ∕ 2016
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Stevie Klein
Stefan Müller-Naumann
Robert Rechenauer

 

 

 


 

 

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