Wohl dem, den der Flug der Vögel im rechten Moment begleitet -
Das Rätsel vom Tempel des Jupiter Anxur in Terracina

 

 

Auf dem Berg ein monumentaler Bau, zur Hälfte in den weißen Fels gegraben. Das flache Dach eine begehbare Terrasse, die sich mit dem natürlichen Gelände des leicht geneigten Hangs verbindet. Gewachsener Stein und behauener Stein gleichen einander, Berg und Gebäude bilden eine Einheit. Unter der Oberfläche eine lang gestreckte Halle, die das Gebaute vom Gewachsenem trennt. Der Raum dunkel, ohne jede Ausstattung. Licht fällt von einer Seite durch wenige Durchbrüche. Es führt in einen Wandelgang, der sich mit weit gespannten Arkaden zum Meer hin öffnet.

 

 

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Tempel des Jupiter Anxur von Terracina


Durch die Arkaden trete ich hinaus auf ein schmales Band. Weit unter mir der Borgo Pio, die historische Unterstadt von Terracina. Ein monumentales Relief, in dem die Straßen als Schatten erscheinen. Sie münden in einen quadratischen Platz, um dessen Brunnen in der Mitte, Fahrzeuge kreisen. Geräusche, die kommen und gehen, ansonsten Stille. Ich hebe den Blick und schaue über der Stadt in die flirrende Weite des tyrrhenische Meeres. Davor die Ausläufer einer arkadischen Landschaft. Dunkle Wälder fassen die Küste. Und inmitten des sich kräuselnden Wassers erhebt sich der mythische Monte Circeo, jenes von Homer besungene Eiland der Kirke, an das es einst Odysseus und seine Gefährten verschlug. In weiter Ferne die Konturen der Pontinischen Inseln, die wie Schiffe im offenen Meer treiben.

 

Schöner herrlicher Tag. Wohl dem, den der Flug der Vögel im rechten Moment begleitet.

 

So oder ähnlich könnte es heißen, wenn eines der vielen Orakel, die einst am Tempel des Jupiter Anxur gesprochen wurden, überliefert wäre. Doch die zahlreichen Sprüche und Kommentare, die es zu dieser legendenumwobenen Stätte am Monte Sant`Angelo von Terracina sicherlich gab, sind verloren. Nur wenige Spuren lassen die ursprüngliche Bedeutung der Anlage erahnen. Sie reichen weit in die Frühgeschichte Italiens zurück. Ich wandle in einer wildromantischen Landschaft, zwischen Wacholder und Ginster. Dann entdecke ich die gebrochenen Steine eines antiken Tempels, Fragmente einer Architektur, die mir zu einem einzigartigen Rätsel werden. Doch wo sich einst Priester um einem annahmen, ist man heute ganz mit sich alleine gelassen. 

 

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Arkaden am Tempel des Jupiter Anxur in Terracina

 

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht. Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht. ¹

 

Als Student hatte ich die monumentale Arkadenkonstruktion aus dem 1. vorchristlichen Jahrhundert für das Heiligtum gehalten, das die Römer der Gottheit des Jupiter geweiht hatten. Ich war irritiert, denn ich erwartete einen klassischen Tempel mit Unterbau, Säulen und Gebälk oder zumindest die Reste eines solchen. Stattdessen traf ich auf diese gebaute Terrassenlandschaft mit den Arkaden und diesem grandiosen Ausblick aufs Meer. Den Tempel selbst bemerkte ich erst viel später, er ist auch nahezu verschwunden. Nur wenige Reste des Podiums sind auf dem Dach der begehbaren Terrasse erhalten. Die Arkaden bildeten nur die Unterkonstruktion für den eigentlichen Tempelbau. 



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Reste der antiken Tempelanlage über den Arkaden


In den Landkarten des 20. Jahrhunderts wurde das Bauwerk noch unter dem Namen „Palazzo Teodorico“ geführt. Geht man dieser volkstümlichen Bezeichnung nach, dann scheint man die Ruine über lange Zeit für den ehemaligen Palast des Gotenkönigs Theoderich gehalten zu haben. Er hatte im Jahre 493 die Regentschaft über ganz Italien errungen und das Land nach dem Zusammenbruch des römischen Kaisertums erneut aufgerichtet. Bevor es endgültig niederging, brachte er es ein letztes Mal zum Blühen. Seine Taten müssen so außergewöhnlich gewesen sein, dass man seinem Namen noch bis ins letzte Jahrhundert respektvoll in Erinnerung behielt. Nach seinem Tod verfiel das Reich, die Bevölkerungsdichte der gesamten Region ging dramatisch zurück. Die Städte schrumpften, ganze Landstriche wurden aufgegeben. Der Palast auf dem Berg verfiel.

 

Unterhalb der Arkaden und außerhalb des inzwischen als „heidnisch“ verschmähten Geländes hatten sich jedoch schon bald Mönche angesiedelt. In den Gewölben des heute als „kleinen Tempel“ bezeichneten Gebäudes gründeten sie das Kloster San Michele Arcangelo. Wie so viele andere antiken Bergheiligtümer weihten sie den mittelalterlichen Umbau dem Erzengel Michael. Das Patrozinium gab schließlich dem ganze Berg seinen Namen. Der niedergehende Blitz des göttlichen Jupiter transformierte so zum niederfahrenden Schwert des heiligen Michael. Die vormals verehrte Gottheit gab man damit der Vergessenheit anheim. Bis vor wenigen Jahren konnte ich zwischen Graffitis die farbigen Reste von Fresken bewundern, sie sind jetzt verschwunden. 

 

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 Reste von San Michele Arcangelo, genannt Angeletto


Johann Wolfgang Goethe, der auf seiner „Italienischen Reise“ 1787 durch Terracina kam, ließ die Ruine unerwähnt. Ein „Palazzo Teodorico“ fügte sich nicht in seine Reisevorstellungen und Antikensehnsucht ein. Außerdem hätte eine Exkursion auf den Jupitertempel einen zusätzlichen Tag gekostet, und Zeit hatte er keinesfalls zu verlieren. Ihn zog es so schnell wie möglich nach Sizilien, hin zu den „echten“ Tempeln . Hätte der ehemalige Tempel von Terracina Eingang in Goethes Reisebericht gefunden, hätte ihn das wohl mit einem Schlag berühmt gemacht.

Bei den einheimischen Gelehrten hingegen scheint das Wissen um die wahre Bedeutung des Palastes nie ganz verloren gegangen zu sein. Baldassare Peruzzi und Antonio Sangallo d. J. hatten bereits im 15. Jahrhundert als erste namhaft bekannte Antikenforscher, Skizzen und Aufmaße von der Ruine angefertigt. Doch erst die Grabungen des famosen Pio Caponi brachten Ende des vorletzten Jahrhunderts Gewissheit. 1894 kam bei seiner Campagne neben den berühmt gewordenen Votivgaben, den „crepundia“, eine dicke Ascheschicht zum Vorschein, die auf die gezielte Zerstörung des ehemaligen Heiligtums verwies. Asche und Schutt sind mit den anderen Spuren, in denen sich die Votivgaben einst befanden, allesamt verloren. Zu Caponis Zeit sah man darin nur belanglosen Bauschutt, den man entsorgte. Die Forscher unserer Zeit hätten aus dem Abraum noch vieles herauslesen können.

 

 

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Tonnenüberwölbte Halle unter der Terrasse 

 

Der Name „Tempio di Giove Anxur“ - wie die Ruine heute wieder genannt wird - knüpft an die weit zurückliegende Epoche der Antike an. Titus Livius erwähnt den Jupitertempel in seinem Werk mehrfach. Auch in Vergils „Aeneis“ taucht der Name des „Jupiter Anxurus“ auf.  „Jupiter“ war der Gott des Lichtes, „Anxur“ der Name, den das herrschende Volk der Volsker Terracina gab, bevor die Stadt von Rom annektiert wurde. Aufgrund der gefundenen Votivgaben, die zum Teil Miniaturmöbel und Spielzeug darstellen, vermutete man, dass am Tempel „Jupiter als Kind“ verehrt wurde. Doch die neuere Geschichtsschreibung widerspricht dieser Auffassung. Die Forschung geht heute davon aus, dass am Monte Sant`Angelo in der Antike dem Kult der Venus gehuldigt wurde. Doch der einmal eingeführte Name des „Jupiter Anxur“ hat sich bis heute erhalten.

 

 

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Vermeintlicher Palast des Theoderich


Bis vor wenigen Jahren war das Gelände frei begehbar. Tagsüber begegneten sich dort interessierte Bildungsreisende, nachts die Einsamkeit suchenden Liebespaare. Heute ist die Ruine eingezäunt und abgesperrt. Ich betrete das Gelände über einen kontrollierten Eingang. Der ehemalige Tempelbezirk stellt jetzt eine abstrakte Einheit dar, die den Nimbus einer Weihestätte nahezu komplett verloren hat. Mit dem Status eines Denkmals versehen, hat man ihn in ein Freilichtmuseum verwandelt, in dem nurmehr ein Stück römischer Baugeschichte verwaltet wird. Seit Neuestem gerät diese museale Verwertung auch noch in Konflikt mit den Ansprüchen unserer modernen Freizeitgesellschaft, die in dem Ort zunehmend das Potential für Ihre unvermeidlichen Events entdeckt.

Trotz der Veränderungen, die den Ort immer wieder erfassten, ist ihm der überwältigende Bezug auf das Meer und in die einzigartige Landschaft geblieben. Von Anfang an bestimmte er den Genius des Ortes. Auch wenn nur wenige Besucher in den Hinterlassenschaften der Architektur lesen können, so werden sie doch von diesem einzigartigen Ausblick in den Bann gezogen und gleichsam durch ihn verzaubert. Dies ist auch der Grund, weshalb dem Ort über die längste Zeit seiner Geschichte höchste Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Man studierte das Wetter und die Himmelserscheinungen, beobachtete das Verhalten von Tieren oder ließ sich vom Meer und den Bergen inspirieren.

 

 

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In opus incertum ummauerter Felsen - der Sitz des Orakels, Zustand 1999

 

Auf der Terrasse über den Arkaden begegne ich einem eigentümlichen Artefakt: halb Felsen, halb Bauwerk. Über quadratischem Grundriss erhebt sich dort neben den Resten des antiken Tempels ein gemauerter mannshoher Kubus, aus dem die Spitze des gewachsenen Kalksteins herausragt. Der Kubus betont die Authentizität der antiken Stelle an einem Ort, der in den letzten zweitausend Jahren komplett überformt und vollkommen neu gestaltete wurde. Die Römer hatten den Berg nach funktionellen und baukünstlerischen Gesichtspunkten planiert und mit der Arkadenkonstruktion gleichsam erweitert. Die einzige Stelle, die sie von der Maßnahme ausgeschlossen hatten, war jener Felsen auf der Terrasse. Zum Schutz hatten sie ihn sogar mit Mauerwerk ummantelt. Als Einzelobjekt steht er als Skulptur für den Städtebau der gesamten Anlage. Natur und Baukunst gehen hier gewissermaßen eine Symbiose ein. Die wenigsten bemerken dieses eigenartige Gebilde aus künstlich gefügtem und natürlichem Stein. Doch bei all denen, die es wahrnehmen, ruft es großes Erstaunen hervor. Dies ist kein Wunder, stehen sie doch vor einem Rätsel, nämlich dem Sitz des Orakels, dem Nucleus der gesamten Anlage.

In der Antike erschienen die Götter den Menschen als Kräfte, die in der Natur wirken. Licht und Luft waren von alters her die Phänomene, deren sich die Götter am stärksten bedienten. Der niedergehende Blitz, das flammende Schwert, oder einfach die Spiegelungen des Meeres waren eindeutig Botschaften des Himmels. Ihnen zollten die Menschen höchste Aufmerksamkeit. Die bedeutendste Geste mit der sie sich Gott oder den Göttern von Anfang an zuwandten, war die Architektur. Die Architektur gilt seitdem als die Mutter der Künste. Dahinter steht jedoch nicht nur der manifeste Ausdruck von Verehrung und Wertschätzung, sondern vor allem das ausdrückliche Streben, optimale Bedingungen für die Wahrnehmung der Himmelserscheinungen zu schaffen.

Der steinummantelte Felsen.
Ist dies die Stelle, der Ort, wo Jupiter seinen Blitz einschlagen ließ und der Augur dem Flug der Vögel folgte?
Fuhr dort das flammende Schwert des Erzengels Michael nieder?
Der steinummantelte Felsen schweigt. Ich stehe vor einem Rätsel: das Orakel.
Was will es mir sagen? Wer deutet es mir?


Ein sanfter Wind vom Himmel weht, Vögel fliegen.
Lichter am Meer, bei Tag und Nacht.



8 ∕ 2011 - 6 ∕ 2014
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Robert Rechenauer

Literaturhinweise
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Bianchini Arturo, Storia di Terracina (III Editione), Formia 1994
Camporeale Giovannangelo; Die Etrusker - Geschichte und Kultur, Artemis & Winkler Verlag Düsseldorf  Zürich 2003
Coppola Maria Rosaria, Das Ausgrabungsgelände auf dem Monte S. Angelo, Edizioni Quasar Roma 1987
Goethe Johann Wolfgang, Italienische Reise, Frankfurt am Main 1976
¹  Goethe Johann Wolfgang, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Frankfurt am Main 1980
Gregorovius Ferdinand, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1978
Grossi Venceslao, Il Santuario Romano di Monte S. Angelo a Terracina, Terracina 2000
Livius Titus, Römische Geschichte von der Gründung der Stadt an, Marixverlag Wiesbaden 2009
Keller Harald, Kunstlandschaften Italiens, Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 1994
Ogilvie Robert M., … und bauten die Tempel wieder auf - Die Römer und ihre Tempel im Zeitalter des Augustus, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1969
Pallottino Massimo, Italien vor der Römerzeit, C. H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung München 1987
Schollmeyer Patrick, Römische Tempel - Kult und Kultur im Imperium Romanum, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008
Selvaggi Emilio, Terracina - passegiate fuori le mura, Minturno 1996
Selvaggi Emilio, Juppiter von Anxur - Der Tempel, der Ort, die Legenden, Terracina 1999
Wilhelm Richard (Hg), I Ging - Das Buch der Wandlungen, Eugen Diederichs Verlag Köln 1956
Vergil, Aeneis, Artemis Verlag Zürich und München 1981
Vitruv, Zehn Bücher über Architektur, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1964
Ziegler Konrad  ∕ Sontheimer Walther (Hg), Der kleine Pauly - Lexikon der Antike in fünf Bänden, München 1979

 

 

 


 

 

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