Die Piazza del Municipio von Terracina

Verdichtete Stadt und moderne Wüstung - zweitausend Jahre städtebauliche Transformation

 

versione italiana

 

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Piazza del Municipo, Oberstadt von Terracina 
Casatorre di Orazio Migliore, Torre dei Rosa, Campanile Cattedrale

 

Einzigartig in ganz Italien ist die Piazza del Municipio in der Oberstadt von Terracina.

Mehr als zweitausend Jahre Baugeschichte prägen ihr Erscheinungsbild. Solide Gesellenstücke und respektable Meisterwerke sind hier auf engstem Raum vereint. Wie viele andere Städte in Europa hat Terracina gewaltige Transformationen erfahren. Das besondere an diesem Ort ist, dass sie hier unmittelbar erlebbar sind.

 

 

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    Marmorplatten am ehemaligen Forum Emilianum


Die Gestaltung des Platzes reicht auf das Forum Emilianum aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert zurück. Die großformatigen Marmorplatten und die seitlich angeordneten polygonalen Pflastersteine der Via Appia antica zeugen eindrücklich von der einstigen kulturellen, wirtschaftlichen und strategischen Bedeutung der Stadt in der Antike. Die meisten Bauwerke, der Figurenschmuck und nahezu alle Inschriften aus der Zeit sind jedoch verloren gegangen. Den Stadtraum, den das Forum ehemals einnahm, erkennt heute nur der kundige Betrachter.

 

Das antike Forum war weitaus größer als die heutige Piazza, nur an wenigen Stellen zeichnen sich die ursprünglichen Proportionen ab. Nachfolgende Generationen besetzten den Platz immer wieder mit neuen Gebäuden und verwischten so die alten Konturen. Die Piazza präsentierte sich immer als die Momentaufnahme eines sich ständig wandelnden räumlichen Gefüges.

 

Schlanke, hoch aufragende, mittelalterliche Geschlechtertürme, eng gebaute Bürgerhäuser und spätbarocke Paläste bestimmen heute das Erscheinungsbild des Platzes. Herausragende Bauten wie die Kathedrale, der ehemalige Bischofspalast, der Torre dei Rosa und das den Platz seinen Namen gebende Municipio weisen den Ort als Zentrum aus.

 

 

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Cattedrale San Cesario, Terracina 1999

 

Das Bild beherrscht die monumentalen Anlage der Cattedrale San Cesareo, die sich im Osten der Piazza erhebt. Eine mehrfach gestufte Treppenanlage führt auf das alte Tempelpodium, auf dem die Kirche unter der Verwendung von antiken Spolien errichtet ist. Das Gebäude wurde baulich immer wieder verändert und ist stilistisch keiner Epoche zuzuordnen. Romanische Bauteile mischen sich mit barocken Formen, byzantinische Bildelemente mit den neuzeitlichen Historizismen den 19., 20. und inzwischen auch 21. Jahrhunderts. Antike Säulen, romanische Gebälke und Werksteine aller Art ordnen sich zu einem gleichsam eigenwilligen wie stimmigen Ganzen. Der Torre dei Rosa dominiert die Südseite und steht im spannungsvollen Kontrast zum Campanile. In ihrem Zusammenspiel erzählen die Bauten und ihre Teile endlose Geschichten.

 

Und doch, neben all der Dichte und dem Vielen gibt es hier ein städtebauliches Vakuum, das Nichts, die Leere. Die Bombardierungen des zweiten Weltkrieges hinterließen auch in Terracina Leid, Schmerz und Zerstörung. Während andernorts die baulichen Wunden längst geschlossen sind, so liegen sie hier - im Norden der Piazza - immer noch offen. Die Trümmer sind zwar beseitigt, doch ein Wiederaufbau hat fast siebzig Jahre nach Kriegsende nicht statt gefunden. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und haben mit der komplexen Entwicklung der Stadt zu tun.

 

Terracina wurde zwischen 1943 und 1944 mehrfach aus der Luft und vom Meer bombardiert. Die Unterstadt mit dem Hafen wurde nahezu komplett zerstört. Eine große städtebauliche Brache zieht sich seitdem durch die ansonsten dichte Oberstadt. In den Dekaden nach dem Krieg war die Oberstadt von Schrumpfungsprozessen betroffen, die uns vor allem aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit bekannt sind. Damals war infolge von Kriegen, Hungersnöten und Epedimien die Anzahl der Bevölkerung stark zurückgegangen. Das Areal stellt seitdem eine Art moderne Wüstung dar.

 

 

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Standort des Tempels der Pertinace, Belag des ehemaligen Forum Emilianum
Zustand 1994

 

Der ruinöse Eindruck des Zentrums wird verstärkt durch die archäologischen Grabungen, die in den letzten Jahren im Norden des Platzes große Teile des antiken Theaters zum Vorschein brachten. Im Zuge der Kampagne wurden auf dem Gelände unlängst weitere Häuser abgetragen. Der Vorgang war durch die Zerstörungen des zweiten Weltkriegs in Gang gesetzt worden, da bei der Beseitigung der mittelalterlichen und neuzeitlichen Trümmer längst vergessene Bauteile wie das Capitolum, das Podium des Tempels der Pertinace oder die Via Appia antica mit der vierseitigen Bogenkonstruktion, überhaupt erst ans Tageslicht gekommen waren.

 

Mit dem Verlust des Palazzo della Dogana, einem Gebäude, das heute durch den Palazzo del Municipio - dem Rathaus - ersetzt ist, tat sich zudem, neben dem Torre dei Rosa, eine städtebauliche Öffnung zum Meer hin auf, die über lange Zeit aus der kollektiven Erinnerung verschwunden war.

 

 

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Golf von Terracina mit Monte Circeo

 

Über viele Jahrhunderte hatte die Piazza eine vollkommen in sich geschlossene - verschlossene - städtebauliche Einheit dargestellt. Es hatte keinen visuellen oder gar städtebaulichen Bezug zur reich gegliederte Landschaft mehr gegeben. Durch die kriegsbedingte Öffnung wirkte anstelle des Palazzo della Dogana plötzlich der flirrende Spiegel des tyrrhenischen Meeres in das alte Zentrum hinein. Unter einem lag die offene Bebauung der Unterstadt, vor einem breitete sich der Golf von Terracina aus. Am Horizont setzten sich die Silhouetten der drei pontinischen Inseln ab. Der Blick fing sich schließlich im Massiv des mythischen Monte Circeo, jenem Eiland der Kirke, an dem der Überlieferung nach Odysseus und Aeneas an Land gegangen sind.

 

Erstmals seit der Antike konnte jeder in der Stadt wieder wahrnehmen, dass er sich nicht auf dem flachen Land, sondern in erhöhter Lage über der pontinischen Ebene und dem Meer befand. Man begriff, dass man auf den Grundfesten einer Akropolis stand, die ursprünglich zum Schutz der Stadt und dann zur Verherrlichung der römischen Staatsraison errichtet wurde.

 


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Oberstadt von Terracina mit pontinischer Ebene


Nicht nur für Archäologen, Stadtplaner und Architekten geht von den Bauten, Ruinen und Räumen der Piazza del Municipio eine große Faszination aus, sondern auch für viele Touristen, die hier im Sommer durch das Zentrum ziehen. Ohne sich der Dramen, die sich hier vor nicht allzu langer Zeit abspielten, tatsächlich bewusst zu sein, verfallen sie den unterschiedlichsten Suggestionen, die von diesem städtebaulichen Gesamtkunstwerk ausgehen. Sie gleichen darin ganz den Italienreisenden des 19. Jahrhunderts, die - losgelöst von der Wirklichkeit des alltäglichen Lebens - angesichts der Städte und Ruinen in mediterraner Landschaft sich ihren romantischen Sehnsüchten hingaben.

Nüchtern betrachtet, kann man das Areal rund um die Piazza del Municipio auch als Ausdruck von stadtplanerischer Hilflosigkeit verstehen. Das bedeutet jedoch nicht, dass mangelnde Ideen oder fehlendes Kapital die Ursache für die scheinbare Vernachlässigung bilden. Nicht geklärte Eigentumsverhältnisse, bestehendes Baurecht und Denkmalschutz bestimmen die Verhältnisse mindestens ebenso. Doch, was mancher heute als Mangel versteht, stellt eine Ressource dar, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

 

 

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Verdichtete Stadt im Hintergrund
Moderne Wüstung im Vordergrund, Zustand 1999



07 ∕ 2013
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Robert Rechenauer

Literaturhinweise
Aurigemma Salvatore / Bianchini Arturo / De Santis Angelo, Circeo - Terracina - Fondi, Roma 1960
Bianchini Arturo, Storia di Terracina (III Editione), Formia 1994
Città di Terracina / Società per la storia patria della Provinca di Latina in collaborazione con la soprintendenza per i beni archeologici del Lazio (Ed), Il Teatro Romano di Terracina e il teatro romano nell`antichità, Atti del convegno, Terracina 6 Marzo 2004
Coppola Maria Rosaria, Terracina - Il foro emiliano, Terracina 1986
Grossi Venceslao, Il Foro Emiliano di Terracina, Terracina 2003
Malizia Rosario (Ed), La Via Appia a Terracina - La Strada Romana e i suoi Monumenti, Casamari 1988
Portella Ivana della (Ed), Via Appia - Entlang der bedeutendsten Straße der Antike, Stuttgart 2003
Rech Clara, Terracina e il Medioevo - Un punto di osservazone sul primo millenio alle fine del secolo secondo millennio, Terracina 1989
Rinaldi Franco, Terracina nel secolo buio della tirannia del Frangipani, Terracina 2006
Rocci Giovanni Rosario, La Terracina di Frédéric Vitoux, Terracina 1995
Selvaggi Emilio, Terracina nobile e plebea, Terracina 2010
Spezzaferro Giovanni, Terracina 1943 - 1944, I Giorni del Terrore, 55° Anniversario del 1° Bombardamento 4 Settembre 1943, Terracina 1998

 

 

 


 

 

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