Podere 1413

Authentisches Zeugnis des Ventennio

 

versione italiana


Im ventennio - dem von 1922 bis 1943 andauernden Zeitraum des Faschismus - erhob Italien territoriale Machtansprüche, die weit über die Grenzen Europas hinausreichten. Dabei bot das eigene Land Platz genug zum Leben. Es war so groß, dass man innerhalb der eigenen Grenzen nicht nur unerwünschte Gegner verbannen, sondern verdienstvolle Parteigänger sogar kolonisieren konnte.

Berühmte Romane erzählen vom Exil und der Kolonisation. Carlo Levi gab mit seinem „Christus kam nur bis Eboli“ schon 1945 ein beredtes Beispiel vom Leben in der Verbannung. Antonio Pennacchi hingegen, hat erst unlängst in seiner wahrhaft epochalen Erzählung „Canale Mussolini“ die Geschichte der Kolonisation behandelt. Die bonifica pontina stellt einen der spannendsten Kapitel in der jüngsten italienischen Kulturgeschichte dar. Anhand der Urbarmachung der Pontinischen Sümpfe und der daran anschließenden Besiedelung stellt Pennacchi den Wandel dieser bereits in der Antike beschriebenen Landschaft dar. Man darf dabei nicht ausser Acht lassen, wie fremd sich die heute als Regionen bezeichneten Landstriche der Apenninenhalbinsel damals waren. Große sprachliche, kulturelle und wirtschaftliche Unterschiede trennten die Bewohner voneinander. Die Unterschiede schienen unüberbrückbar. Doch im ventennio sind die Menschen - mehr oder weniger gewollt oder ungewollt - tatsächlich zusammengerückt.

Befasst man sich mit dem Städtebau und der Baugeschichte jener Zeit, trifft man schnell auf die in den 1930er Jahren neu gegründete Landstädte Littoria (dem heutigen Latina), Sabaudia , Pontina, Aprilia und Pomezia. In unglaublich kurzer Zeit wurden diese im Zuge der Bonifica innerhalb weniger Jahre geplant und errichtet.  Unterschiedliche Qualitäten prägen bis heute ihre Architektur und Erscheinungsbild. Viele Gebäude sind im Original noch erhalten und in Benutzung. In der Sala Grande des ehemaligen Palazzo del Governo in Latina zeugt das Fresko La Redenzione dell´Agro Pontino - Die Erlösung des Pontinischen Ackers von Duilio Cambelotti von der laut- und bildstarken Propaganda, die das Gesamtprojekt von Anfang an begleitete.

 

 

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Die Erlösung des Pontinischen Ackers
Duilio Cambelotti, Ausschnitt

 

Von 1927 bis 1939 wurden in einem großen Kraftakt die letzten von Malaria befallenen Sumpfgebiete der Pontina trocken gelegt, das Land vermessen und der Boden für den Ackerbau vorbereitet. Unter dem Aufruf zur Battaglia di grano - Getreideschlacht - sollte Italien so von seinem Getreidemangel, Ernährungsnotstand und damit einhergehenden gravierenden Handelsdefizit befreit werden. Auf dem neu gewonnenem Boden siedelte man wie zur Römerzeit Familien verdienstvoller Veteranen aus dem der Emilia Romagna und dem Veneto an. Benito Mussolini löste damit ein Versprechen ein, dass der König seinen Soldaten für ihren schweren Kampfeinsatz zugesagt hatte. Das Gesamtprojekt wurde von der ONC organisiert, einem Veteranenverband, der 1918 von enttäuschten heimkehrenden Soldaten gegründet wurde. Die drei Buchstaben stehen für Opera Nazionale Combattenti - Nationale Frontkämpfervereinigung. Der Verband und die faschischtische Partei waren schnell handelseins geworden.

 

Weit weniger bekannt als die damals neu gegründeten Landstädte sind die kleinen städtebaulichen Siedlungseinheiten der Poderi. Kleine Gutshöfe, die in regelmäßigem Abstand von der ONC für die neuen Siedler bereitgestellt wurden. Sie bildeten die eigentlichen Keimzelle der Kolonisierung. Antonio Pennacchi hat sie eindrücklich in seinem Roman beschrieben:

Die Höfe - oder Siedlerhäuser - waren alle hellblau gestrichen. Zweistöckig. Mit zwei Dachschrägen und hölzernem Dachstuhl. Rote Falzziegel. Dachrinnen mit Fallrohr. Auf dem Dach ein großer runder Schornstein aus Fertigbauteilen, bei allen gleich. Die nagelneuen Fenster waren grün gestrichen und hatten außen keine Fensterläden, sondern nur Mückengitter - äußerst feinmaschige Metallgitter, die die Insekten abhielten -, dann kamen die Fensterscheiben und dahinter, innen, Läden aus hell lackiertem Holz, Paneelen, die kein Licht hereinließen.

 

 

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Grundriss Erdgeschoss Podere


Trotz der von der ONC gepriesenen Fortschrittlichkeit gab es im Haus keine Elektrizität, kein fließend Wasser und keine Bäder. Die Anfangsschwierigkeiten waren erheblich und das agrarische Konzept, das hinter dem Projekt stand, alles andere als erfolgreich. Der Böden waren für den Getreideanbau nicht immer geeignet, die Siedler für die Landwirtschaft oft nicht qualifiziert. Der Kahlschlag des gesamten Baumbestandes führte zu Erosionen und gewaltigen Windschäden bei der Bebauung.

Nach der Landung der alliierten Streitkräfte bei Anzio und Nettuno am 22 01 1944 verwandelte sich der gesamte Agro Pontino in ein Schlachtfeld, auf dem sich deutsche, italienische und alliierte Streitkräfte in einer Art Stellungskrieg über viele Wochen bekämpften. Die Jahre des mühevollen Aufbaus waren damit erst einmal zunichte gemacht. Nach dem Krieg fand eine starke Orientierung zur Industrie und dem Tourismus statt. Staatliche Subventionen führten vielenorts zu einem unkontrollierten städtebaulichem Wachstum.

Das rechtwinklige Raster von Kanälen und Straßen, das seit Hippodamos nahezu alle Kolonien als eigenständiges Gestaltungsmerkmal aufweisen, prägt bis heute die Landschaft der Pontinischen Ebene. Das Raster bildet ein System von Siedlungsachsen, entlang derer sich die Bebauung immer noch ausrichtet. Nahezu verschwunden ist allerdings der originäre Bautypus des Podere. Begibt man sich auf die Spurensuche, so stellt man schnell fest, dass von den ursprünglich 3.500 Höfen so gut wie keiner mehr erhalten ist.

 

 

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Podere 1413 an der Migliara 48
Zustand 2013

 

Wie so oft sind es die entlegenen Winkel und Seitenstraßen, wo sich das Alte am längsten hält. Zwischen Terracina und Latina kann man unweit der Via Appia am Migliara 48 hinter Büschen und Sträuchern das Podere 1413 entdecken. Sichtlich gealtert, doch nahezu unverändert, scheint es die Dekaden nach dem Krieg relativ unbeschadet überstanden zu haben. Sicherlich ist es eines der wenigen - wenn nicht gar das letzte - authentische Gebäude der bonifica pontina. In großen aufgesetzten Einzelbuchstaben prangen die Ziffern an der Aussenwand und weisen das Haus als Kind des ventennio aus. Bezeichnenderweise hatte man den Siedlerhöfen, wie den Straßen, keine Namen verliehen, sondern diese einfach durchnummeriert. Neben der ihm zugewiesen Nummer 1413 trägt das Haus noch den originalen hellblauen Farbanstrich. Man glaubte, dass die Farbe die Anopheles-Mücke fern hält und hoffte, dass so die todbringende Malaria ausser Haus bleibt.


11 ∕ 2013
Robert Rechenauer
 
 
 

Bildnachweis
Robert Rechenauer

Literaturhinweise
Bodenschatz Harald (Hg.), Städtebau für Mussolini - Auf der Suche nach der neuen Stadt im faschistischen Italien, DOM publishers Berlin 2011
Gilmour David, Auf der Suche nach Italien - Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart, Klett-Cotta, Stuttgart 2013
Grossi Venceslao, Il Territorio di Carta, La trasformazione della struttura storica territorale di Terracina e dall´area pontina attraverso la cartografia storica, Comune di Terracina 1997
Lampugnani Vittorio Magnago, Die Stadt im 20. Jahrhundert - Visionen, Entwürfe, Gebautes, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010
Levi Carlo, Christus kam nur bis Eboli, München 1982
Pennacchi Antonio, Canale Mussolini, Carl Hanser Verlag München 2012
Istituto di Studi Romani (Editore), La Bonifica delle Paludi Pontine, Casa Roma 1935
Rossetti Vincenzo, Dalle paludi a Littoria, Diario di un medico 1926-1936, Polombi Editori Roma 2002
Regione Lazio ∕ Ministero per i Beni e le Attività Culturali ∕ Touring Club Italiano, Metafisica Costruita, Le Cttà di fondazione degli anni Trenta dall`Italia all`Oltremare, Touring Editore Milano 2002

 

 

 


 

 

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