Gibt es eine Architektur, die krank macht?

Sick-Building-Syndrom in Salzburg

 

 

Am Anfang der Planung für das Neue Mozarteum stand ein „Giftskandal“. Und so eigenartig das klingen mag, der eigentliche Grund für diesen Skandal waren nicht giftige Baustoffe, sondern die Architektur. Wenn es nicht schlechte Architektur war, was am Anfang stand, dann doch das, was viele Künstler und Musiker als schlechte Architektur erlebt hatten. Vermeintliches Gift war der willkommenen Anlass, dem Alten Mozarteum den ersehnten Knockout zu versetzen. Nach der Häufung von mysteriösen Todesfällen war der Druck am Ende so hoch angestiegen, dass die Salzburger Landesregierung das Gebäude wegen erhöhter Gefahr für die Gesundheit räumen ließ.

 

 

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Mozarteum vom Mirabellgarten 1979

 

Die traurigen Leukämiefälle konnten bis ins letzte nie aufgeklärt werden. Giftstoffe wurden als Ursache für die Erkrankungen auf jeden Fall keine ausgemacht. Doch die Gutachter attestierten den leidenden Künstlern das Sick-Building-Syndrom. Eine Krankheit, die bislang vornehmlich aus den USA bekannt war. Beengte Räume, wenig Tageslicht und zu trockenen Raumluft waren schließlich die anerkannten Gründe für die anhaltenden Kopfschmerzen, die Abgeschlagenheit und Schleimhautreizungen. 


Gibt es einen Facharzt für Erkrankungen wie dem Sick-Building-Syndrom? Einer neuen Krankheit, die nachweislich durch den längeren Aufenthalt in bestimmten Architekturen hervorgerufen wird? Kann man solche Syndrome medizinisch behandeln? Gut möglich. Doch Maßnahmen wie die Verabreichung von Schmerz lindernden oder die Konzentration steigernden Medikamenten, rufen an anderer Stelle oft Nebenwirkungen und neue Beeinträchtigungen hervor.

Hier im Journal will ich keine Debatte über gute oder schlechte Architektur führen. Es sollen auch nicht die Krankheitsfälle neu aufgerollt werden, die einst dem Gebäudebestand von 1979 zugeschrieben wurden. Als Architekt des neuen, vornehmlich letzten Mozarteums will ich vielmehr einer aktuellen Fragestellung nachgehen, welche die Architekturdiskussion in vielen Städten auszeichnet.

 

Wie ist es möglich, dass ein Haus, das alle Phasen der Planung und Bürgerbeteiligung durchlaufen hat, bei seinen Nutzern so sehr in Misskredit geraten kann, dass es nicht nur nicht geliebt, sondern regelrecht gehasst wird?

 

Jede Stadt hat ihr Mozarteum. Der Zorn einer ganzen Generation hatte sich an seiner Architektur entzündet. Es war kein Paradigmenwechsel in der musikalischen Ausbildung oder unserer Gesellschaft, der die radikale Veränderung des Gebäudebestandes verlangte. Es war noch die erste Nutzergeneration, welche die Schließung und Räumung des alten Mozarteums eingeforderte.

 

 

10 ∕ 2011

Robert Rechenauer

 

 

 
Bildmaterial
Bundesimmobiliengesellschaft BIG

 

 

 

 

 


 

 

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