Der Ambo - vom alten Kampf der Ambonen

 

 

Der Zugang zum Wort gestaltete sich von Anfang an schwierig.
Lange Zeit waren die Christen weder des Lesens noch des Schreibens mächtig. Es gab deshalb die Tendenz, das „Wort" durch das „Bild" zu ersetzen, was einerseits zu großartigen Kunstwerken, andererseits zu heftigen Kontroversen führte, die oft in der Zerstörung der Bilder mündeten. Regelrechten Bilderstürme zogen übers Land, das Bild mochte das Wort nicht ersetzen. An kaum einem anderen liturgischen Ort lassen sich die unterschiedlichen Gesinnungen besser verstehen als am Ambo.



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Kathedrale Terracina, Ambo 

 

Für die frühen Christen war die Auslegung der „frohen" Botschaft besonders elementar, hatten sie doch ihren angestammten Glauben, der meist auf der Auslegung von Naturphänomenen oder der Verehrung einer Vielzahl unterschiedlicher Göttern beruhte, aufgegeben und sich dieser grundlegend anderen Auffassung angeschlossen. Die Vermittlung dieses neuen Glaubens erfolgte nicht über die Geburt oder ein Ritual, sondern allein über das Wort.
 
Über Jahrhunderte wurde auf Konzilen um eine einheitliche, die „richtige" Leseweise der überlieferten Botschaft gerungen.
In der Neuzeit maßen die Protestanten dem „Wort" die größte Bedeutung zu, durch den zeitgleich einsetzenden Buchdruck fand es zudem eine neue Form der Verbreitung. In ganz Europa begriff man das Lesen und Schreiben erstmals wieder für eine öffentliche Angelegenheit. Die katholische Kirche hielt dem eine neue, eigene, Streitkultur entgegen. Während evangelische Gelehrte die alten, in fremder Sprache gehaltenen Schriften in die eigne Landessprache übersetzten, errichteten katholische Mönche weltweit Schulen um einem jeden den Zugang zum „Wort“ zu erschließen.

Der Ambo steht für die „Verkündigung des Wortes“.
Dort werden nicht nur die Evangelien verlesen, sondern auch die Kämpfe um das richtige Verständnis ausgetragen. Lesen und Verstehen standen so schon immer in einem unmittelbaren Zusammenhang. Schon der Standort im Kirchenraum weist dem Wort einen bestimmten Stellenwert zu. Das einfache Rednerpult, das im Altarbereich auf gleicher Ebene zwischen Priester und Gemeinde steht, transportiert eine andere Haltung als die über allen schwebende Kanzel. Mit dem zweiten Vatikanum holte schließlich auch die katholische Kirche das Wort in den Altarraum zurück und leistete damit einen großen Beitrag zur Ökumene. 




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Ambo in der Simeonskirche



Heute kann man an der Gestaltung der Ambonen kaum mehr zwischen den Konfessionen unterscheiden, im alltäglichen Umgang spielen „Reformation“ und „Gegenreformation“ überhaupt keine Rolle mehr.

In der neuen Simeonskirche steht der Ambo nahezu gleichberechtigt neben dem Altar, „Wort“ und „Feier“ begleiten einander. Keine Stufe trennt die beiden von der Gemeinde oder ihren Gästen, die Begegnung erfolgt auf gleicher Augenhöhe. Wie in einer frühchristlichen Kirche präsentieren die Kirchenfenster hinter dem Ambo die Botschaft auf unmissverständliche Weise : ohne Interpretation.



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Altarraum Simeonskirche

 

 

7 ∕ 2016, 5 ∕ 2017
Robert Rechenauer



Bildnachweis
Stefan Müller-Naumann
Robert Rechenauer

 

 

 


 

 

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