Info
R

Robert Rechenauer Architekten

Hans-Sachs-Straße 6  80469 München  Telefon 089 236856‑0
info@rechenauer-architekten.de

Das ZeMuLi und die Oberbayerische Architektur

Wie sieht ein Forschungs-, Bildungs- und Kulturzentrum für den Bezirk Ober­bayern aus? Eine Einrichtung, die nicht nur der Ar­chi­vie­rung und Erforschung von ober­bay­e­rischer Li­te­ra­tur, Sprache und Musik, sondern auch ihrer Pflege und Wei­ter­ent­wick­lung dient. Zudem ein Zent­rum, das auf dem Land und nicht in der Hauptstadt steht. Verleiht man ihm, dem „ZeMuLi“ – Zentrum für Volks­musik, Literatur und Po­pu­lar­mu­sik, eine ein­präg­same neue Ge­stalt oder be­klei­det man es mit den be­kann­ten Mustern? Welche bekannte Mu­ster? Wel­ches Bild wird die Architektur prägen?

Auf die Architektur bezogen ist „ober­bay­e­risch“ ein schil­lernder Be­griff. Sucht man nach ty­pisch ober­­­bay­­­e­­rischer Ar­chi­tek­tur, ent­deckt man, dass es keinen ein­heit­lich­en ober­­bay­­e­rischen Bau­stil, son­dern nur un­ter­schied­liche Bau­wei­sen gibt. Man stellt fest, dass Ober­bay­ern kein Stück Land, son­dern eine Region ist, die sich nicht aus einer neu­tra­len Fläche, son­dern aus Land­schafts- und Kul­tur­räu­men zu­sam­men­setzt: Un­ter­schied­liche Geografien brachten un­ter­schied­liche Bau­tra­di­tionen hervor. Sie sind von Ge­län­de­for­men und Ge­steins­ar­ten ebenso geprägt wie dem Ein­fluss von Klima und Wetter. Dieses Zu­sam­men­spiel schuf Bö­den, die eine Viel­falt von Flora und Fauna ermöglichte, welche wiederum auf ihre Umwelt zu­rück­wirkte. Es ent­stand ein öko­­lo­­gischer Kreis­lauf, in den der Mensch eingriff. Durch Rodung und Ack­er­bau be­ein­flusste er nicht nur die Ve­ge­ta­tion, sondern auch das Gelände. Der Abbau von Holz, Lehm, Steinen und Erzen stellte die ent­schei­den­de Grund­lage für die Er­rich­tung von Ge­bäu­den dar. Die Na­tur­land­schaft ging in einer von Men­schen­hand ge­stal­te­ten Ku­ltur­land­schaft auf. 
In Oberbayern existieren un­ter­schied­liche Bau­kulturen. Im Dach­au­er Hin­ter­land tref­fen wir auf verputzte Mau­er­­werks­­bau­­ten mit steilen Stroh­­dächern, im Bay­e­risch­en Ober­­­land hin­ge­gen auf na­tur­­be­las­­sene Holz­block­bau­ten mit fla­chen und mit Leg­schin­deln bedeckten Holz­dächern. Wir be­mer­ken, dass die Oberlandlerische Ar­chi­tek­tur mehr Ge­mein­sam­kei­ten mit der Tirolerischen oder Salz­bur­gischen Tra­di­tion aufweist als dem Altmühltal, das zwar zu Oberbayern ge­hört, doch eher dem Fränkischen Nahe steht. Ober­bay­e­rische Architektur „be­schreibt“ eine politische und eben keine stilistische Zu­ge­hör­ig­keit.
Der Abbau und die Verarbeitung von lokal verfügbaren Materialien wie Stein, Holz, Stroh und Lehm führten überall, trotz der nahezu einheitlich patriarchalisch stru­ktu­rie­rten, agrarischen Gesellschaft, zu un­ter­schied­lich­en Ge­­bäu­­de­­ty­­pen und Gewerken. Zimmerer, Stein­met­ze und Mau­rer ver­fei­ner­ten ihr Hand­werk kon­tin­u­ierlich an den Er­for­der­nis­sen, die Um­welt, Natur und Nutzung ihnen auf­er­leg­ten. Ein Stroh­dach musste steil sein, damit Wasser und Schnee schnell ab­glitt. Leg­­schindel hin­ge­gen mussten flach liegen, da sie sonst von der Un­ter­kon­struk­tion ein­fach ab­­rut­schten. Für schwe­re Schnee­­las­­ten war Stroh nicht geeignet und an­hal­ten­de Feuchte hätte es schnell zerstört. Mit dem Schnee, der sich auf den flachen Holz­däch­ern an­sam­mel­te, kamen die Holz­schindeln hin­­ge­gen gut zurecht, den Be­wohnern diente er sogar als Wär­me­­däm­­mung. Unter­­schiedliche Wirt­­schafts­for­men wie Ge­trei­de­an­bau oder Vieh­hal­tung be­stimm­ten die Ordnung der Grund­risse maß­geb­lich. Un­ter­schied­liche Sozial- und Rechts­räume be­dingen un­ter­schied­lichen Maß­­stäbe und Ge­bäude­typen wie Ein­first­höfe oder Mehr­first­hof­anlagen. Das gel­tende Erb­recht führ­te im Nor­den zu klein­­teiligeren Struk­tu­ren als im Süden.

Johann Georg von Dillis, Dietramszell, um 1830
Johann Georg von Dillis, Dietramszell, um 1830

Die patriarchalisch und kirchlich de­fin­ierte Agrar­ge­sell­schaft prägte seit dem Mit­tel­alter bis ins 19.Jahr­­hundert die Kultur­land­schaft. Trotz des steten Wan­dels, dem Land­schaft und Ar­chi­tek­tur schon immer aus­gesetzt waren, wurde im 19.Jahr­hun­­dert das zu diesem Zeit­punkt vor­herrschende Bild von Landschaft und Architektur als ein in sich ab­ge­schlos­sen­es System begriffen und von Wis­sen­schaft­lern und Künst­lern in Wort und Bild fixiert. Die Land­schaft und die Ar­chi­tek­tur, die in den Bildern meist nur als Staf­fage ein­ge­setzt wurde, wur­den dabei ide­a­li­siert und als ver­meintlich immer schon da­­ge­­wes­enes Erbe ka­nonisiert. Der Stand der Ent­wicklung wurde für alle Zeiten ein­ge­fro­ren. Dabei begann sich ab Mitte des 19. Jahr­hun­derts das Bild der Land­schaft nach und nach zu verändern. Mit zu­neh­mender In­dus­tri­alisierung, Auf­klärung, Bil­dung und Ver­net­zung gingen große Um­ge­stal­tungen der bis­­­lang ein­heit­lich ge­präg­ten Land­schaft einher. Die be­ste­hen­de Agrar­­­ge­sel­lschaft wan­del­te sich erst zu einer In­du­s­trie- und dann zu einer Dienst­­leis­tungs­gesell­schaft; wobei man­­cher­orts die Phase der In­dus­t­riali­sierung über­­sprun­gen wurde. Es fand ein Pa­ra­dig­­men­­­wech­sel statt, der die tra­di­tionel­len Bau­weisen hin­fällig machte. Bau­stoffe und Pro­du­kte waren nun auf­grund einer zu­neh­mend flächen­deckenden In­fra­struk­tur aus Ei­­sen­­bahn und Stra­ßen­netz nahezu überall ver­füg­bar. Industrielle Fertigung ermöglichte allerorts den Einsatz von gleichen, zu­neh­mend stan­dar­di­sierten, Produkten. Die Ein­führung von Normen ega­li­sie­rte die lokalen, hand­werklich geprägten Bau­traditionen. 
Produktionsstätten zogen nicht nur neue Berufe und neues Personal nach sich, son­dern auch vollkommen neue Ge­bäu­de­ty­pen. Gleis­anlagen, Bahnhöfe, Fa­bri­ken mit weit­ge­spann­ten Hal­len, großen Fenstern und oftmals hohen Schorn­stei­nen gehörten zu den ersten Auf­gaben, die von dem sich wandelnden Berufs­stand der Bau­meister gefordert wurden. Das Leben ohne oder mit we­ni­ger Land­wirt­schaft bedingte auf dem Land einfachere Wohn­formen als es der Ackerbau und das komplexe Zu­sam­men­leben von Mensch und Tier ver­lang­te. Die Wohn­stätten ähnelten einander immer mehr. Dem vereinfachten Wohnen stan­den hingegen voll­kommen neue andere Bau­auf­ga­ben ge­gen­über. Nicht mehr das eigene Feld, sondern Läden dienten der Ver­sor­gung. Waren aller Art wurden in nie da­ge­wes­ener Fülle zum Kauf angeboten. 
Die immer komplexer und di­ver­ser wer­den­den Gesellschaft verlangte Schu­len, Kin­der­gärten, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime. Aus der neu ge­schaf­fen­en Ressource Freizeit ent­stand zudem mit dem Tourismus ein voll­kom­men neuer Wirtschafts­zweig, Theater und Bäder folgten. Bauern flohen vom Land in die Stadt, Som­mer­frisch­ler zog es aus der Stadt aufs Land hinaus. Die einst strikt getrennten Le­bens­läufe von Stadt- und Land­be­völkerung glichen einander immer mehr. Auf dem Land zerfiel die dörfliche Klein­struktur in glei­chem Maß wie die kompakte Bau­masse der ehemals von Stadt­mauern um­wehr­ten Städte. Zer­siedelung hier und dort. Aus den ehe­mals nahezu in sich ge­schlos­senen Land­schafts­räu­men wurden offene Be­ge­gnungs­räume.

Die Veränderungen betrafen nicht nur Oberbayern, sondern durch­dran­gen den ge­sam­ten eu­ro­päischen Kontext. Nahezu alle Land­schafts­räume waren vom Wan­­del be­trof­fen. Oft stellte der Wandel einen Umruch des allzeit Vertrauten dar. Ent­fremdung, Ent­wur­ze­lung und soziale Konflikte waren neben allem Fortschritt die Folge. 
Architekten, Ingenieure, Bauindustrie und Handwerk mussten sich dem Wan­del stellen. Sie fan­den un­ter­schied­liche Heran­gehens­weisen, die jeweils zu un­ter­schied­lichen Lösungen führten. Neue Wege wurden beschritten und auf allen Ebenen viel ex­pe­ri­men­tiert. Mei­len­­stei­ne der Ent­wicklung waren die Künstler­kolonie am „Monte Verità“ bei Ascona, Arts and Crafts Movement, der Deutschen Werk­bund oder die Garten­stadt Hellerau bei Dresden. Die einen prak­ti­zier­ten unter der radikalen Los­­sung von den gel­­ten­­den Ord­nun­gen voll­kom­men neue Le­bens­for­men, die andere er­ar­bei­te­ten kon­­kre­te Angebote zum Wohnen, zur Ar­beit und für die Kultur. Radikaler In­di­vi­du­alis­mus und so­zi­aler Ge­­rech­­tig­­keits­­sinn ex­is­tier­ten ne­ben­einan­der. Anders als früher, erfolgten die Impulse nicht aus dem eigenen be­trof­­fen­em Land­schafts­raum, sondern aus dem eu­ro­­ischen Kon­text. 
In England, das schon früh und besonders stark von den Ver­än­de­run­gen betroffen war, wurden als erstes Lösungen ent­wickelt, die schließ­lich überall Anwendung und Mo­di­fi­kation fanden. Akademische Über­le­gun­gen, die stark mit den Architekturstilen der Ver­­gan­gen­­heit arbeiteten, spiel­ten dabei generell eine wichtige Rolle. Die wichtigen Ent­wurfs­­an­sätze lieferte die „Reform­architektur“. Sie war Ende des 19.Jahr­hunderts aus der Lebens­­­reform­­be­wegung her­­vor­­ge­gan­gen und kristal­lisierte sich im Vor­feld des Ers­ten Welt­­krie­ges als richtungs­wei­sende Strö­mung heraus. Weg­­­be­rei­ter und Pro­­ta­­gonis­ten waren John Ruskin, William Morris, Hermann Muthesius und Heinrich Tessenow. Oberbayerische Intel­lektuelle, Künstler:innen und Ar­chi­tekten waren am Prozess be­tei­ligt: Margarete Beutler, Erich Mühsam, Oskar Maria Graf, Georg Schrimpf und Richard Riemer­schmid seien stell­­ver­tretend genannt.
Den Architekten der Reformarchitektur gelang es als einzige, die neu­­­en ge­sell­schaft­lichen und so­zi­alen Anforderungen in einem um­fas­sen­den Gestaltungs­ansatz zu bün­deln. Ent­schei­dend war dabei, dass sie ihre Entwürfe nicht alleine aus einer Inter­pretation der Ge­schichte, sondern aus der direkten Aus­ein­an­der­set­zung mit den neuen Lebens- und Arbeits­prozessen gewannen. Nicht durch­gän­gige Formen und Stilismen prägten deshalb ihren ge­stal­te­rischen An­satz, sondern die Suche nach einem an­ge­mes­senem An­ge­bot für Wohnen, Arbeiten und Kultur-Schaffen, das mit den neuen Lebens­situationen einherging. Eine ge­samt­heit­liche Be­trachtungs­weise durch­drang ihre städte­baulichen und bau­künst­le­rischen Kon­zepte. Dem­ent­sprechend stan­den nicht nur die Fassaden­gestaltung, sondern die Durch­ge­stal­tung der gesamten Stadt mit Ge­bäude einschließlich Aus­bau und Möbel im Fokus.

Im 20.Jahrhundert nahmen die Ar­chi­tek­ten der Reform­archi­tektur zwei un­ter­schied­liche Wege. Der eine Teil be­tonte den von Anfang an in der Be­we­gung zirkulierenden Bezug auf die lokale Tradition, was sich in der Über­nahme von his­tor­isch­en Dach­­formen, Kon­struktionen und Schmuck­ele­menten ar­ti­­ku­­lierte. Der andere Teil, ver­treten durch das Bau­haus, löste sich von den traditionellen Bau­weisen, grenzte sich gegen diese ab und propagierte eine sachlich-abstrakte For­men­sprache, die ohne His­to­ri­zis­men und lokale Bezüge auskam. Steil- und Flach­dach wurden zu den In­si­gni­en der beiden un­ter­schied­lichen Hal­tungen, die sich bald als „Heimat­stil“ und „Mo­derne“ gegenüber standen.  Es entstand ein re­gel­rech­ter Streit, der in der Zeit des National­sozialismus – trotz des an­hal­ten­den technischen Fort­schritts und dem Dafür­halten vieler „mo­der­ner“ Architekten – unter dem Diktat der „Blut-und-Boden-Ideologie“ zu­gun­sten des Heimat­stils entschieden wurde. Die National­sozialisten ver­ein­nahm­ten den Begriff „Heimat“ und erklärten ihre Auslegung zur Staats­dok­trin. 
Der Streit um die richtige Architektur – Traditionalis­mus oder Mo­der­ne – flammte nach dem Zweiten Weltkrieg erneut auf. Infolge des Wie­der­auf­baus und starken Wirt­schafts­wachs­tums erfuhr die Um­ge­stal­tung des Lan­des eine er­neute Be­­schleu­nigung. Der Aus­bau von Stra­ßen und Park­flächen setzte sich un­ge­min­dert fort. Geschoss­woh­­nungs­­bau­­ten, Ge­­we­r­be­­ge­biete, Su­per­mär­kte, Schulen, Kraft­werke und sonstige Ver­­sor­­gungs­­ein­rich­tun­gen trans­­for­mier­­ten die Land­schafts­räume noch­­mals in einen an­de­ren, noch grö­ße­ren Maß­­­stab. Europa, Di­gi­ta­li­sie­rung und glo­ba­le Ver­netzung lösten bestehende Grenzen auf.  

Krankenhaus Kirchdorf am Haunpold
Krankenhaus Kirchdorf am Haunpold

Die Entwicklung kann man am Standort ZeMuLi nach­voll­ziehen. Die Architektur liefert auch Antworten zur an­fäng­lichen Frage nach dem Bild, das die Um­ge­stal­tung prägen soll.
Der Ursprung geht auf ein Kran­ken­haus zurück, das die Ge­meinde 1913 mit einem Nutz­garten zwischen dem Kirch­dorf am Haun­pold und dem Ort Bruck­mühl errichtete; die Adresse „Kran­ken­­haus­­weg“ erinnert daran. Den Heil- und Hy­gie­ne­vor­stel­lun­gen der Zeit ent­sprechend stand es auf nahezu freiem Ge­län­de. Bei der Ge­stal­tung konnte „Plan­fertiger“ Michael Binder auf­grund der neuen An­for­der­ungen nicht an der lokalen Bau­tra­dition an­knüpfen, sondern musste neue Wege beschreiten. Stilistisch orientierte er sich dabei am Heimat­stil. Das Ge­bäude bestand aus einem Hauptbau als Mittel­risalit, flankiert von zwei Seiten­flügeln, deren Enden als Pavillon­bauten betont waren. Städte­bau­lich löste er die achsiale Strenge durch die asym­metrische An­ordnung von zwei Neben­gebäuden auf, die sich „malerisch“ in das Gesamt­bild fügten.

Da es sich bei dem Ensemble nicht um einen Neu­bau, sondern um einen in die Jahre ge­kom­menen Gebäude­bestand handelt, ist klar, dass es bei der Frage nach dem Bild nicht um die Erfindung einer neuen Architektur, sondern um die Wei­ter­ent­wick­lung der Häuser geht, die der Bezirk Ober­bayern am Orts­rand von Bruck­mühl für die neue Nut­zung er­worben hatte. Aus Grün­­den der Energie­effizienz und Nach­­hal­tigkeit sollten sie nicht ein­fach er­setzt, son­dern im Zuge einer an­ste­hen­den General­sanierung in einen neuen Le­bens­ab­schnitt ge­bracht werden. Neue Bau­materialien, ihre An­lieferung und die Auf­richtung vor Ort würden mehr Res­sour­cen ver­brau­chen als dies bei der Wei­ter­ver­wen­dung der be­stehen Bau­ten der Fall ist. „Graue Energie“ schlum­mert in den Stei­nen, die so – unter Ein­haltung eines möglichst geringen ökologischen Fuß­ab­drucks – ein weiteres Mal aktiviert werden kann.

Krankenhaus und Altenheim mit Wirtschaftsgarten um 1920
Krankenhaus und Altenheim mit Wirtschaftsgarten um 1920

Bautypologisch ist das Ensemble dem Landschaftsraum des Unteren Mang­fall­tals zu­zu­ord­nen,  ist also ein veritables Stück ober­bay­e­risch­er Ar­chi­tek­tur. Seine Gestalt hat jedoch nichts mit den his­to­risch­en Bauern­höfen und Bauten der Ver­gan­gen­heit zu tun. Nicht flach geneigte Sat­tel­­­cher und kleine Fen­ster­öffnungen prägen die Architektur, son­dern steil ge­nei­gte Walm­dächer und verhältnismäßig große Fen­ster­flächen – al­len­falls die Dachform knüpft stilistisch an die Schiffe der historischen Kir­chen­bau­ten an. Der gesamte Ge­bäude­bestand ist eine Neu­schöpfung des 20.Jahrhunderts.
Bei der Durchgestaltung des Hauses bediente sich Michael Binder am Muster des Villenbaus, das die Architekten städtebaulich und baukünstlerisch seit der Re­nais­sance beim Bau­en auf dem Land zum Ein­satz brachten. Im Ober­­land wurde es bei den umliegenden Ferien­häusern der „Sommer­frischler“ ein­ge­führt. Die Architekten ge­ne­rier­ten damit ein Bild, das mit dem ur­sprüng­lich „tra­di­tionel­len“ Bauen auf dem Land – das immer unmittelbar aus dem Land­schafts­raum schöpfte – nichts zu tun hatte. Die Motive stammten aus dem hö­fi­schen und bür­­ger­­lichen Kontext, die in kurzer Zeit fester Be­stand­teil der Ober­bayerischen Architektur wurden.

Seitenflügel am Krankenhausweg mit pavillonartiger Eckbebauung
Seitenflügel am Krankenhausweg mit pavillonartiger Eckbebauung

Schon in den 1920er Jahren wurde eines der beiden Neben­gebäude durch ein Al­ters­heim er­setzt, das 1987 um einen gro­ßen An­bau er­wei­tert wurde. 1979 wurde das Kran­­ken­­haus zu einer Schule um­ge­baut. Dabei griff man mit der Über­bauung der pavillon­artigen Eck­ge­staltung und der Auf­stockung der niedrig ge­hal­ten­en Sei­ten­risalite massiv in die bau­zeit­liche villen­artige Ge­bäude­struk­tur ein. 1999, bei der Um­nutzung zum Volks­musikarchiv erfuhr das Geb­äude noch­mals einen starken baul­ichen Eingriff. 
Obwohl sich die Planer aller Umbauten und Umnutzungen an den über­ge­ordneten Gestaltungs­prinzipien des ur­sprüng­lichen Kran­ke­nhaus-Baues an­lehn­ten, gelang ihnen bei der Durch­ge­stal­tung der Bau­de­tails nicht, an den ge­stal­terischen Qualitäten des Ursprung-Baus an­zu­knüp­fen. Die vielen Um- und An­bau­ten sind aus bau­künst­ler­ischer Sicht geradezu „un­glücklich“ ver­laufen, da bei den Um­gestal­tun­gen die fein­gliedrigen und qualitätsvollen Bau­details der Ent­stehungs­zeit ver­lo­ren gingen. Trotz­dem zeichnet das Ensemble eine ro­bu­ste städtebauliche und bauplastische Grund­struktur aus. Die einheitlichen Dach­for­men, die im Zusammenspiel eine in­te­res­sante „Land­schaft“ bilden, die durchgängigen Materialien, die je­weils mit ihren hap­tischen Qualitäten über­zeu­gen und die ausbalancierte Maß­stäb­lich­keit der Bau­körper ver­lei­hen dem ge­sam­ten Ensemble eine Grund­charak­ter­istik, auf der die Trans­­­for­mation des Geländes zum ZeMuLi gut aufsetzen kann. Es geht dabei nicht um das in­tel­lek­tuelle Ver­ständnis des historischen Bau­ty­pus „Krankenhaus“, sondern um die viel­schich­tigen Einflüsse, die zum „Kran­ken­haus am Haun­pold“ führten. Die Re­form­architektur setzte dabei die ent­schei­den­den Impulse. 

Ensemble ZeMuLi 2022 (Bestand)
Ensemble ZeMuLi 2022 (Bestand)

Die Gestalt – das Bild, das die Architektur prägt – muss hier nicht neu erfunden wer­den. Sie wohnt dem Bestand bereits inne. Sie muss al­ler­dings herausgeholt und ak­ti­viert werden. Architektur spei­chert neben „grauer Energie“ immer auch die Bilder, die zu seiner Ent­ste­hung führten. In unseren Köpfen imaginieren sie mehr als es der bloße Ge­bäu­de­­be­stand hergibt. Die Wie­­der­­­er­­in­­ne­­rung an die Lebens­reform­bewegung öffnet Horizonte, verleiht Inspiration und spornt zum Wei­ter­den­ken an. Die Bewegung fand hier am Standort ZeMuLi eine re­spe­kta­ble Setzung. Heilkunst und Fürsorge sind den Bauten ebenso ein­geschrieben wie der Umgang mit Lesen und Schreiben. Musik spielte schon vor der Zwi­schen­­­nut­zung als Volks­­musikarchiv eine be­deu­tende Rolle. Die Bilder, die hinter den Umbauten stehen, erzählen und be­han­deln Ge­schich­ten: von sich und über sich – woher wir kommen, wo wir stehen und wohin wir gehen. Themen, die Forscher, Musiker und Li­ter­aten – auch am ZeMuLi – schon immer be­schäf­tig­ten. Wir er­schaf­fen keine neue Geschichte, sondern erzählen die bestehende fort. Wir führen die be­ste­hen­den Bauten zu einem neuen Ort zu­sam­­men, an dem sich Wis­sen­schaft und Kunst be­gegnen. Decken- und Wand­­durch­­brüche werden Sicht­­be­ziehungen und Ein­blicke in die Bibliotheks-, Lese- und Probe­r­äume er­möglichen. Noten und Texte wird man finden, ge­spro­che­nes Wort und Musik aller­orts hören. Portale und groß­for­ma­tige Fenster werden Aus­stel­lungs- und Ver­­an­stal­tungs­­flächen mit den um­lie­gen­den Frei­r­äumen ver­binden. Eichen­holz, Kalk­stein und fein ge­glie­der­te Putz­flächen werden überall zu fassen sein. Die Gestalt des ZeMuLi – das Bild – wird keine komplett neue sein, sondern eine weiter-geformte. 

2 ⁄ 2024
Robert Rechenauer


Bildnachweis
Archiv für Volksmusik und regionale Literatur, Bezirk Oberbayern
Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Neue Pinakothek München
Andrew Phelps

Literaturhinweise
Dadò Armando (Herausgeber), Monte Verità – Berg der Wahrheit, Mailand 1980
Neu Wilhelm, Bäuerliche Haus- und Hofformen in Oberbayern, in: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler/Georg Dehio – Bayern IV: München und Oberbayern, München 1990
Posener Julius, Vorlesungen zur Geschichte der neuen Architektur,  ARCH+ Aachen 1985
Seidler Eduard, Geschichte der Medizin und Krankenpflege, Berlin Köln 1993

sowie Artikel von Dr. Katharina Baur aus dem Magazin „ZeMuLi“ :
Neues Raumnutzungskonzept fürs ZeMuLi – Moderner, größer, barrierefrei. 1⁄ 2022
Vom Dorfkrankenhaus zum neuen überregionalen Zentrum – Ein Haus mit bewegter Geschichte. 2⁄ 2022