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Robert Rechenauer Architekten

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Neogotik weitererzählt
Umbauten der Stadtkirche in Bad Reichenhall

Der Gründung der evangelischen Stadt­kirche in Bad Rei­chen­hall gingen Mit­te des 19. Jahr­hun­derts jahr­zehn­te­lange Vor­planun­gen vor­aus, be­fand sie sich doch in der katho­­lisch ge­präg­ten, süd­baye­rischen Dias­pora. Orts­­ansäs­sige Ge­mein­de­mit­glie­der, pro­tes­tan­tische Kur­gäs­te, Gus­tav-Adolph-Ver­eine, das Groß­her­zog­tum Meck­­­len­­burg und die Stadt Wei­mar zahl­ten in einen ei­gens ge­schaf­fe­nen Bau­fonds ein. Die Mit­tel blie­ben be­grenzt. Erst nach­dem Kai­ser Wil­helm und eine Dame aus Hamburg, Frau Zacha­rias Wendt und ein Frau­en­ver­ein als Groß­spon­sor:in­nen auf­tra­ten, konnte 1877 mit dem Kir­chen­bau be­gon­nen werden. 

Den Stand­ort mar­kiert ein Glocken­turm, in den ein auf­wen­dig ge­stal­tetes Kir­chen­por­tal ein­ge­las­sen ist. Ein Trep­pen­auf­gang führt zu ihm hinauf und wei­ter in das hoch ge­leg­te ein­fache Kir­chen­schiff, das man über den noch im Glock­en­turm ge­le­ge­nen Vor­raum be­tritt. Ho­he Fen­ster, Wand­pfei­ler und Gurt­­gen glie­dern den Raum, der sich nach oben zu ei­nem spitz aus­lau­fen­dem Holz­ge­wöl­be ver­jüngt. Über dem ers­ten Joch ruht auf zwei Pfei­lern eine Or­gel­empore. Der Kir­chen­raum mün­dete in eine vier­eckige Ap­sis, in der ur­sprüng­lich – um drei Stu­fen leicht er­höht – ein schma­ler, schlich­ter Altar aus Holz stand; ein großer Spitz­bo­gen mit einer kleinen Ro­set­te da­­ber be­ton­t den Übergang.  

Ursprüngliche neogotische Fassung 1894
Ursprüngliche neogotische Fassung 1894

Links stand ur­sprüng­lich eine aufwendig gestaltete Kan­zel, mo­nu­men­ta­l prä­sen­tier­te sie sich nach allen Sei­ten. Sie ruhte auf einer ver­kürz­ten Säule mit Ka­pi­tell und kräf­ti­gem Ge­bälk. Die Säule de­fi­nier­te den Eck­pfei­ler eines Ein­baus, in dem die Sak­ri­stei un­ter­ge­bracht war. Sie war mit einem Dach­auf­bau ver­se­hen, der ei­­ner­­seits ihre phy­­si­­sche Prä­senz im Kir­­chen­­raum her­­vor­hob, an­de­rer­seits die akus­ti­sche Vers­tänd­lich­keit op­ti­mier­te. Rechts trug ein Säu­len­stumpf, wel­cher mit einer qua­dra­ti­schen Plin­the und einer run­den Ba­sis mit Hohl­keh­len und Wü­lsten fest mit dem Boden ver­bun­den war, das Tauf­becken. 
Die wenigen er­hal­ten geb­lie­be­nen schwarz-weiß Foto­gra­fi­en täu­schen über die de­zen­te Far­big­keit hin­weg, über wel­che die Kirche einst ver­füg­te. Allein die von Pfar­rer Theodor Hacker 1894 nie­der­ge­leg­te Kir­chen­ge­schich­te läßt wa­ge Rück­schlüs­se zu. Das äußere Mau­er­werk zeig­te sich dem­nach un­ver­putzt in den „na­tur­far­be­nen Zie­gel­stei­nen“. Gelbe, an aus­ge­wähl­ten Stel­len ro­te Sand­steinen be­tonten das Portal, die Ge­sim­se und Fen­ster­lai­bun­gen. In­nen waren die Wände ver­putzt und in „grau­gel­ben“ Tö­nen ge­stri­chen. Der um­lau­fen­de, mit einem Ge­sims be­ton­te Sockel setz­­te sich mit einem et­­was dunk­le­ren An­strich de­zent von den da­­ber auf­stei­gen­den Wand­par­ti­en ab. Ein­fache Dien­ste mit Ba­sen und Ka­pitel­len schmück­ten die Wand­pfei­ler. Or­na­men­te aus Stuck zier­ten den Spitz­bo­gen an der Ap­sis, die Gur­te an der Decke und die Lai­bun­gen der Fen­ster. Die Fenster „ein­färbig matt­weiss“ fasste eine rote Bor­­re. Das Ge­wöl­be im Kir­chen­schiff und in der Ap­­sis war „mit braun ge­stri­chen Bret­tern“ ver­schalt. Das Ge­stühl mit aus Fich­ten- und Bir­nen­holz ge­schnitz­ten Wan­gen war in Blöcken geord­ne­t. Die We­ge und frei­en Flä­chen da­zwi­schen ver­zier­te ein in Rau­ten ver­leg­ter Flie­sen­bo­den aus ze­ment­ge­bun­de­nen bei­gen und dun­kel­brau­nen Platten.

Neogotisches Grundkonzept

Das “neogo­ti­sche Gewand”, wel­che der Archi­tekt Lud­wig Hoff­stadt (1842-1885) dem Kir­chen­bau ver­lie­h, prägt seine Ge­stalt noch heute; Denk­mal­schutz si­chert sei­nen Fort­be­stand. Da­bei wur­de der In­nen­raum seit sei­ner Weihe im Jahr 1881 mehr­fach grund­le­gend um­ge­stal­tet. Sanie­rungs­be­dar­fe lös­ten in re­gel­­ßi­gen Ab­stän­den nicht nur Nach­bes­se­run­gen beim Be­stand aus, sonder­n dien­ten im­mer auch der Durch­set­zung  von neu­en ästhe­ti­scher Vor­stel­lun­gen, die mit den gän­gi­gen Glau­bens­fra­gen ein­her­gin­gen.
Die Apsis sol­lte von Be­ginn an ein Fres­ko auf­neh­men, wo­für die be­­­tig­ten Mit­tel je­doch nicht aus­reich­ten. So fehl­te bei der Weihe 1881 die­ses wich­ti­ge Aus­stat­tungs­stück, das erst hun­dert Jah­re spä­ter re­ali­siert wer­den sollte. Im­mer­hin be­kam die Kirche 1893 von Kunst­ma­ler Lud­wig Thiersch (1825-1909) ein Öl­ge­mäl­de ge­schenkt. Für viele Ge­ne­ra­tio­nen stand seit­dem das Mo­tiv des seg­nen­den Chris­tus in der zen­tra­len Blick­ach­se „mit wei­ßen Ge­wand mit ro­tem Über­wurf auf Wol­ken schwe­bend mit hel­len Strah­len des himmli­schen Lichts von oben – Berg und Meer zu sei­nen Fü­ßen – auf bei­den Sei­ten von Engeln um­geben.“
Den Entwurf für den sechs Meter ho­hen, aus Ei­chen­holz ge­schnitz­ten Rah­men steu­er­te Lud­wig Thierschs Nef­fe, der Archi­tekt Fried­rich Thiersch (1852-1921) bei. Die Kos­ten da­für über­nahm eine von Theo­dor Häcker nicht nä­her be­nann­te „doch durch ihren Wohl­­tig­keit­sinn be­kann­te katho­li­sche Dame die­ser Stadt“.

Etwas Komfort 1896

Die erste echte Um­ge­stal­tung, die be­schei­de­nen Kom­fort und funk­tio­na­le Ver­bes­se­rung zum Ziel hatte, er­folg­te 1896. Nach einem Vor­schlag des Archi­tek­ten Au­gust Thiersch (1843-1917), dem Bru­der von Fried­rich Thiersch, be­frei­te man die Kan­zel von der an­ge­bau­ten Sa­kris­tei und schuf diese als An­bau neu. Die Kan­zel rück­te man nä­her ­an die Wand. Da­bei wurde der obe­re Auf­bau ab­ge­bro­chen und durch einen leich­ten Schall­deckel er­setz­t, der op­tisch über dem Lese­pult zu schwe­ben schien. Der Kan­zel wur­de so die do­mi­nie­ren­de Wir­kung ge­nom­men und der Au­gen­merk stär­ker auf den Al­tar­be­reich kon­zen­triert. In der Ap­sis er­setz­te man den be­ste­hen­den Flie­sen­be­lag durch mas­si­ve Mar­mor­plat­ten von dem nahe­ge­le­ge­nen Un­ters­berg. Weni­g spä­ter wurden im Kir­chen­raum zwei „Re­gu­lier­füll­öfen“ auf­ge­stellt, die den Be­su­chern im Win­ter spär­li­che Wär­me spen­de­ten. Vier Kron- und zwei Wand­leuch­ten ver­sorg­ten den Raum erst­mals mit elektri­schem Licht. 

Mystifizierung 1931

Ein neues Farb­kon­zept, infolge dessen die ori­gi­na­le neo­go­ti­sche Farb­ge­bung ver­lo­ren ging, präg­te zum 50. Ju­bi­­um 1931 die zwei­te Um­­ge­­stal­­tung. Die Wän­de des Al­tar­raums, sämt­li­che Ge­wöl­be und die Brüs­tung der Or­gel­empo­re wur­den dun­kel, die Sockel­zone in einem „oliv­grün-bräun­li­chen“ Ton ge­stri­chen. Die ehe­mals blau­en In­nen­sei­ten der Gurt­­gen wur­den mit „Gold­bron­ze“ ver­ziert, „gold­brau­ne“ Vor­hän­ge in die Fen­ster­lai­bun­gen ge­hängt. Die Fen­ster der Ap­sis ver­schloß man mit Sperr­holz, den Rah­men des Al­tar­bil­des so­wie alle an­de­ren Holz­­ein­bau­ten dun­kel­te man eben­falls deut­lich nach. Der Kir­chen­raum wur­de „my­sti­fi­ziert“. Of­fen­bar woll­te man so an die Ehr­wür­dig­keit der al­ten go­ti­schen Klos­ter­kir­chen und Kathe­dra­len an­knüp­fen, die von der Pa­ti­na jahr­hun­der­te­al­ten Rußes ge­kenn­zeich­net waren. We­gen der un­kon­trol­lier­ba­ren Blen­dung ver­mau­er­te man die klei­ne Ro­set­te über dem Bo­gen vor der Ap­sis und er­setz­te sie durch ein Me­dail­lon, das Je­sus mit den aus­ge­streck­­ten Hän­den der Jün­ger beim Abend­mahl zeig­te. Die Kron­leuch­ter wur­den ge­gen vier opa­ke Leucht­­ku­geln aus­ge­tauscht und so die Licht­ver­hält­nis­se bei Nacht op­ti­miert. Die vor­ge­nom­me­ne Ver­brei­te­rung des Al­tars um cir­ca 1/2 Me­ter ver­än­der­te nicht nur die Größe des wich­tig­sten Prin­zi­pal­stücks, son­dern auch die der Go­tik ent­lehn­ten Pro­por­tio­nen des Raumes.

Versachlichung 1959

Bei der dritten Um­ge­stal­tung fand 1959 nach dem Entwurf des lan­des­kirch­li­chen Bau­direk­tors Al­bert Köhler (1915-) und des Kunst­ma­lers Wal­ther Senf (1909-1985) eine „Ver­sach­li­chung“ der Kirche statt. Mehr Licht und Klar­heit lös­ten das mys­tische Dun­kel und die er­zäh­leri­sche De­tail­ver­liebt­heit der Vor­gangs­zeit ab. Wände, Dien­ste und Em­po­re wur­den weiß ge­tüncht, die Säu­len am Ein­gang hell­grau ge­stri­chen. Das Rund­bild mit der Abend­mahl­dar­stel­lung im Schei­tel des Bo­gens über der Apsis ließ man hin­ter einem deck­en­den An­strich ver­schwin­den. Die Deck­leis­ten der Schal­bret­ter im Ge­wöl­be er­hiel­ten eine helle Lackie­rung, so­dass sie mit den Gurt­­gen eine bau­liche Ein­heit bil­de­ten. Die alt­en, mit Blei ver­glas­ten Kir­chen­fens­ter ers­etzt­e man durch in Drei­ecke auf­ge­lös­te, pro­fi­lier­te In­dus­trie­glä­ser. Au­ßen schim­mer­ten sie wie go­ti­sche Bunt­glas­schei­ben – Stei­nen gleich – opak, in­nen trat hin­ge­gen das Tages­licht g­efil­tert ein. Von der neo­go­ti­sch-ori­gi­na­len Aus­­stat­tung blieb allein das Ge­stühl mit den ge­schnitz­ten Wan­gen er­hal­ten, das man von sei­nem dunk­lem An­strich be­frei­te und dann in sei­ner natur­far­be­nen Hap­tik be­ließ. Den höl­zer­nen Al­tar er­setz­te man durch eine Kon­struk­tion in Stein; die Men­sa war ein Werk­stück aus Ad­ne­ter Mar­mor. Dem Vor­schlag Albert Köh­lers, den Al­tar aus der Ap­sis in den Kir­chen­raum zu ver­le­gen, wur­de von der Ge­mein­de aller­dings nicht statt ge­ge­ben. Die Kan­zel wur­de je­doch ab­ge­bro­chen und in re­du­zier­ter Hö­hen­lage aus ge­schlämm­tem Mau­­er­­werk er­neu­ert; wo­bei sie ein ku­bi­sches Er­schei­nungs­bild er­hielt. Das al­te Tauf­becken er­setz­te man durch einen gemauerten Zy­lin­der, auf dem ein run­­des Becken aus Bronze ruhte.  

Zustand 1977
Zustand 1977

In einer Stellung­nahme an das Bad Rei­chen­haller Pfarr­amt gab der Landes­kir­chen­rat zu Be­den­ken, dass das Ge­mälde von Lud­wig Thiersch wegen seiner „ins Ab­bild­haf­te ab­ge­glit­ten­en Art“ nicht mehr den ak­tu­el­len Glau­bens­vor­stel­lungen ent­spräche und durch ein Fresko oder eine Plastik er­setzt wer­den solle. Die Be­den­ken brach­te er mit einer Text­pas­sa­ge aus der Apo­kalypse in Ver­bin­dung, die ihm nicht mehr zeit­ge­mäß er­schien: „Siehe, er kommt aus den Wol­ken und es wer­den ihn sehen alle Au­gen und die ihn er­sto­chen ha­ben und es wer­den heu­len alle Ge­schlech­ter der Erde.“
Das Altar­bild wurde schließ­lich samt Rah­men ab­genom­men und durch ein ein­fa­ches, ab­strakt an­mu­ten­des Holz­kreuz mit einem klei­nen Cor­pus Christi er­setzt. Im Zu­ge der Maß­nahme ent­fern­te man von der Rück­wand der Ap­sis das Ge­sims, wel­ches den Sockel von der auf­stei­gen­den Wand trennte. Im Zusam­men­spiel mit dem Licht, das seit­lich auf die nun­mehr durch­gän­gig weisse Wand fiel, ent­stand so ein voll­kom­men neuer sakra­ler Bild­raum. Ge­fasst von einer ro­ten Bor­­re er­setzte er den kon­kre­ten Bild­raum des Thier­schen Ge­mäl­des ge­gen ei­nen mo­dern ab­strak­ten. Licht­mystik ein­fach­ster Art.

Behaglichkeit und Erzählung 1981

Ein erneutes Um­denken prägte zum 100. Jubi­läum 1981 die vier­te Um­ge­stal­tung. An­fangs wur­de eine Re-Neo­go­ti­sie­rung er­wogen, die Idee je­doch im Zuge der wei­te­ren Pla­nung ver­wor­fen. Feh­len­de Original­sub­stanz und neue li­tur­gi­schen Vor­stel­lun­gen führ­ten zu einer neu­en Inter­pre­ta­tion des neo­go­ti­schen Grund­kon­zepts. An­statt der nüch­tern-ab­strak­ten Sach­lich­keit zo­gen Be­hag­lich­keit, Hap­tik und die kon­kre­te Er­zäh­lung ein. Die Holz­scha­lung der Ge­wöl­be und der Or­gel­empo­re wurde frei­ge­legt, die Flie­sen des Kir­chen­bo­dens flä­chen­deck­end mit einem Tep­pich aus Sisal ver­sehen.

Zustand 2025
Zustand 2025

Man holte den Al­tar aus der Ap­sis und setzte ihn als „Volks­altar“ auf ein neu ge­schaf­fe­nes Po­dest in den Kir­chen­raum; Lage und Um­fang de­fi­nier­te ein im Flie­sen­bo­den be­reits an­ge­leg­tes Mus­ter. Un­ter Ver­wen­dung der al­ten Men­sa aus Ad­ne­ter Mar­mor er­neu­er­te man den Altar aus ge­schlämm­ten Mau­er­werk. Die Kan­zel bau­te man mit der be­ste­hen­den Trep­pen­an­la­ge kom­plett zu­rück und er­neu­er­te sie als ein­fa­chen Ambo, der nun­mehr – leicht er­höht – ge­mein­sam mit dem Al­tar auf dem Po­dest steht; ein Teil der al­ten Men­sa fand da­bei eben­so Ver­wen­dung wie die Bau­wei­se des ge­schlämm­ten Mau­er­werks. In die Ap­­sis trans­­lo­zier­te man statt­­des­­sen den be­ste­hen­den Tauf­­­stein und er­klär­te sie so­mit zur Tauf­kapelle. 
Das Vo­lu­men der Ka­nzel wurde also ein weiteres Mal re­du­ziert, wo­hin­ge­gen man den Al­tar­bereich er­wei­ter­te. Diese kon­ti­nu­ier­liche Ver­la­ge­rung des Schwer­­punkts führ­te op­ti­sch zu einer Schief­lage der vor­de­ren Raum­scha­le. So trat mit der schwin­den­den Kan­zel an der lin­ken Sei­te  der wegen der ehemaligen Trep­pen­an­la­ge ge­kürz­te Wand­pfei­ler samt Dienst her­vor. Durch die auf­tre­ten­de Stö­rung der Sym­me­trie ver­lor die Wand vor der Ap­sis ihr Gleich­ge­wicht.
Die hellbraune Farbe des Teppichs kor­respondierte mit dem war­men Holzton des Gewölbes und den his­to­ri­schen Kir­chen­bän­ken, zu­dem harmonisierte sie mit dem an der Rückwand der Apsis neu ge­schaf­fen­em Wandbild vom „Himmlischen Jerusalem“. 
Das monumentale wand­fül­lende Ge­mäl­de in­ter­pre­tiert die in der Of­fen­ba­rung des Johan­nes be­schrie­be­ne Schluss­­szene der Apo­kal­ypse, in der das “Neue Je­ru­sa­lem” als ver­hei­ße­ne, aus sich her­aus leuch­­ten­de Stadt be­schrie­ben wird. Der phy­si­sche Raum der Ap­sis wird durch den kon­kre­ten Bild­raum der Dar­stellung op­tisch er­wei­tert. Die Erweiterung erfolgt je­doch nicht durch eine ab­strak­te Fläche, son­dern durch die bildliche Darstellung der Er­zäh­lung vom Lamm mit dem Buch mit den sie­ben Sie­gel und den sie­ben Leuch­tern als „Herr aller Her­ren und König aller Könige“. Zwölf Engel of­fen­ba­ren die Zu­kunft, zwölf Tore füh­ren in die Stadt. 
Über dem Altar – vor der run­den Licht­ge­stalt des idea­li­sier­ten Je­ru­sa­lem – schwebt ein stilisiertes goldenes Kreuz. Seine Ge­stalt ent­spricht eben­falls dem in der Of­fen­ba­rung beschriebenen ideal-geo­­me­­tri­­sche Aufbau des neuen Je­ru­sa­lem als Kubus, dessen „Länge, Breite und Höhe gleich sind“. Die Arme des Kreuzes – Stadttoren gleich – wei­sen nicht nur nach oben und unten, rechts und links, sen­den auch nach vorne und hinten und vereinen so die sechs Hauptrichtungen an einem Ort. 

Altar, Bild und Kreuz stehen in einer wech­sel­sei­tig be­ding­ten räum­li­chen Be­zie­hung, wel­che ne­ben im­man­en­ten, trans­zen­den­te Im­pul­se sam­melt und ent­sendet. Dieses ge­lun­ge­ne Zu­sam­men­spiel von Raum­konzept, Bild­ge­stalt und Prinzipalien schu­fen der Archi­tekt Franz Licht­blau (1928-2019), der Kunst­maler Hubert Distler (1919-2004) und der Bild­hauer Fried­rich Koller (ge­boren 1939). Doch das Kon­zept war von Anfang an um­strit­ten, da die Ge­mein­de die drei­di­men­si­ona­le Skulp­tur als Kreuz nicht an­er­kann­te. Da­­ber ent­brann­te ein Streit, der nur mit der An­brin­gung eines zwei­ten Kreu­zes geschlichtet werden konnte. Mit dem Ent­wurf be­auf­trag­te die Ge­mein­de Hu­bert Dist­ler. Das zwei­te Kreuz, aus Holz auf einer Schei­be links an der Wand vor der Apsis be­fes­tigt, stell­te einen Zu­satz dar, der sich  nicht ins Ge­samt­kon­zept füg­te. Der Dopp­lung des Zei­chens fehl­te auch der Sinn'. Doch es kom­­pen­­sier­­te  die Asym­me­trie vor der Apsis.

Situation 2026

Nach circa fünf­und­vier­zig Jahren steht die näch­ste Sa­nie­rung und mög­li­cher­weise fünfte Um­ges­tal­tung der Stadt­kirche von Bad Rei­chen­hall an. 
Wo stehen wir? Wo­hin ge­hen wir? Wo­hin wol­len wir gehen?
Wie tra­gen wir die Ge­schich­te von der denkmalgeschützten neo­go­ti­schen Grund­konzep­tion weiter? 
Wie schrei­ben wir die Ge­gen­wart in die Zu­kunft fort?

Kirchen wer­den weder in einer Ge­ne­ra­tion er­dacht, noch in einer Ge­ne­ra­tion voll­en­det; per­ma­nen­te Aus­ein­an­der­set­zung und Um­bau si­chern ihren Fort­be­stand. Die Gestal­tung einer Kirche be­steht des­halb nicht ewig. An der Stadt­­kirche zeigt sich, dass ein Kir­chen­raum für ein dau­er­haf­tes ge­sell­schaft­li­ches und theo­lo­gi­sches Un­ter­fan­gen steht. Sa­nie­run­gen und Um­ge­stal­tun­gen stel­len eine Chance dar und hel­fen beim Weiterkommen.

1 ⁄ 2026
Robert Rechenauer


Bildnachweis
Stadtkirche Bad Reichenhall
Andrew Phelps

Literaturhinweise
Evang.-Luth. Pfarramt Bad Reichenhall (Herausgeber), 125 Jahre Evan­ge­li­sche Stadt­kirche Bad Reichenhall.
Hacker Theodor, Zur Geschichte der protestantischen Gemeinde Bad Reichen­hall und ihrer Diaspora, Bad Reichenhall 1894.
Jansen-Winkeln Annette, Künstler zwischen den Zeiten – Hubert Distler, Eitorf und Mön­chen­glad­bach 2002.
Johannes von Patmos, Offenbarung in: Ein­heits­überset­zung der Heiligen Schrift – Die Bibel – Gesamt­­aus­gabe, Stuttgart 1980.
Kolb Richard / Lichtblau Franz, Zur Hundert-Jahr-Feier der Evang. Stadt­­kirche Bad Reichen­hall, in: 800 Jahre St. Niko­laus, 500 Jahre St.-Johannis-Spital, 100 Jahre Evangelische Kirche, Bad Reichenhall. Herausgeber: Katholisches Stadtpfarramt St. Nikolaus / Stadt Bad Reichen­hall / Evang.-Luth. Pfarramt, Mittelfelder 1981