Neogotik weitererzählt
Umbauten der Stadtkirche in Bad Reichenhall
Der Gründung der evangelischen Stadtkirche in Bad Reichenhall gingen Mitte des 19. Jahrhunderts jahrzehntelange Vorplanungen voraus, befand sie sich doch in der katholisch geprägten, südbayerischen Diaspora. Ortsansässige Gemeindemitglieder, protestantische Kurgäste, Gustav-Adolph-Vereine, das Großherzogtum Mecklenburg und die Stadt Weimar zahlten in einen eigens geschaffenen Baufonds ein. Die Mittel blieben begrenzt. Erst nachdem Kaiser Wilhelm und eine Dame aus Hamburg, Frau Zacharias Wendt und ein Frauenverein als Großsponsor:innen auftraten, konnte 1877 mit dem Kirchenbau begonnen werden.
Den Standort markiert ein Glockenturm, in den ein aufwendig gestaltetes Kirchenportal eingelassen ist. Ein Treppenaufgang führt zu ihm hinauf und weiter in das hoch gelegte einfache Kirchenschiff, das man über den noch im Glockenturm gelegenen Vorraum betritt. Hohe Fenster, Wandpfeiler und Gurtbögen gliedern den Raum, der sich nach oben zu einem spitz auslaufendem Holzgewölbe verjüngt. Über dem ersten Joch ruht auf zwei Pfeilern eine Orgelempore. Der Kirchenraum mündete in eine viereckige Apsis, in der ursprünglich – um drei Stufen leicht erhöht – ein schmaler, schlichter Altar aus Holz stand; ein großer Spitzbogen mit einer kleinen Rosette darüber betont den Übergang.
Links stand ursprünglich eine aufwendig gestaltete Kanzel, monumental präsentierte sie sich nach allen Seiten. Sie ruhte auf einer verkürzten Säule mit Kapitell und kräftigem Gebälk. Die Säule definierte den Eckpfeiler eines Einbaus, in dem die Sakristei untergebracht war. Sie war mit einem Dachaufbau versehen, der einerseits ihre physische Präsenz im Kirchenraum hervorhob, andererseits die akustische Verständlichkeit optimierte. Rechts trug ein Säulenstumpf, welcher mit einer quadratischen Plinthe und einer runden Basis mit Hohlkehlen und Wülsten fest mit dem Boden verbunden war, das Taufbecken.
Die wenigen erhalten gebliebenen schwarz-weiß Fotografien täuschen über die dezente Farbigkeit hinweg, über welche die Kirche einst verfügte. Allein die von Pfarrer Theodor Hacker 1894 niedergelegte Kirchengeschichte läßt wage Rückschlüsse zu. Das äußere Mauerwerk zeigte sich demnach unverputzt in den „naturfarbenen Ziegelsteinen“. Gelbe, an ausgewählten Stellen rote Sandsteinen betonten das Portal, die Gesimse und Fensterlaibungen. Innen waren die Wände verputzt und in „graugelben“ Tönen gestrichen. Der umlaufende, mit einem Gesims betonte Sockel setzte sich mit einem etwas dunkleren Anstrich dezent von den darüber aufsteigenden Wandpartien ab. Einfache Dienste mit Basen und Kapitellen schmückten die Wandpfeiler. Ornamente aus Stuck zierten den Spitzbogen an der Apsis, die Gurte an der Decke und die Laibungen der Fenster. Die Fenster „einfärbig mattweiss“ fasste eine rote Bordüre. Das Gewölbe im Kirchenschiff und in der Apsis war „mit braun gestrichen Brettern“ verschalt. Das Gestühl mit aus Fichten- und Birnenholz geschnitzten Wangen war in Blöcken geordnet. Die Wege und freien Flächen dazwischen verzierte ein in Rauten verlegter Fliesenboden aus zementgebundenen beigen und dunkelbraunen Platten.
Neogotisches Grundkonzept
Das “neogotische Gewand”, welche der Architekt Ludwig Hoffstadt (1842-1885) dem Kirchenbau verlieh, prägt seine Gestalt noch heute; Denkmalschutz sichert seinen Fortbestand. Dabei wurde der Innenraum seit seiner Weihe im Jahr 1881 mehrfach grundlegend umgestaltet. Sanierungsbedarfe lösten in regelmäßigen Abständen nicht nur Nachbesserungen beim Bestand aus, sondern dienten immer auch der Durchsetzung von neuen ästhetischer Vorstellungen, die mit den gängigen Glaubensfragen einhergingen.
Die Apsis sollte von Beginn an ein Fresko aufnehmen, wofür die benötigten Mittel jedoch nicht ausreichten. So fehlte bei der Weihe 1881 dieses wichtige Ausstattungsstück, das erst hundert Jahre später realisiert werden sollte. Immerhin bekam die Kirche 1893 von Kunstmaler Ludwig Thiersch (1825-1909) ein Ölgemälde geschenkt. Für viele Generationen stand seitdem das Motiv des segnenden Christus in der zentralen Blickachse „mit weißen Gewand mit rotem Überwurf auf Wolken schwebend mit hellen Strahlen des himmlischen Lichts von oben – Berg und Meer zu seinen Füßen – auf beiden Seiten von Engeln umgeben.“
Den Entwurf für den sechs Meter hohen, aus Eichenholz geschnitzten Rahmen steuerte Ludwig Thierschs Neffe, der Architekt Friedrich Thiersch (1852-1921) bei. Die Kosten dafür übernahm eine von Theodor Häcker nicht näher benannte „doch durch ihren Wohltätigkeitsinn bekannte katholische Dame dieser Stadt“.
Etwas Komfort 1896
Die erste echte Umgestaltung, die bescheidenen Komfort und funktionale Verbesserung zum Ziel hatte, erfolgte 1896. Nach einem Vorschlag des Architekten August Thiersch (1843-1917), dem Bruder von Friedrich Thiersch, befreite man die Kanzel von der angebauten Sakristei und schuf diese als Anbau neu. Die Kanzel rückte man näher an die Wand. Dabei wurde der obere Aufbau abgebrochen und durch einen leichten Schalldeckel ersetzt, der optisch über dem Lesepult zu schweben schien. Der Kanzel wurde so die dominierende Wirkung genommen und der Augenmerk stärker auf den Altarbereich konzentriert. In der Apsis ersetzte man den bestehenden Fliesenbelag durch massive Marmorplatten von dem nahegelegenen Untersberg. Wenig später wurden im Kirchenraum zwei „Regulierfüllöfen“ aufgestellt, die den Besuchern im Winter spärliche Wärme spendeten. Vier Kron- und zwei Wandleuchten versorgten den Raum erstmals mit elektrischem Licht.
Mystifizierung 1931
Ein neues Farbkonzept, infolge dessen die originale neogotische Farbgebung verloren ging, prägte zum 50. Jubiläum 1931 die zweite Umgestaltung. Die Wände des Altarraums, sämtliche Gewölbe und die Brüstung der Orgelempore wurden dunkel, die Sockelzone in einem „olivgrün-bräunlichen“ Ton gestrichen. Die ehemals blauen Innenseiten der Gurtbögen wurden mit „Goldbronze“ verziert, „goldbraune“ Vorhänge in die Fensterlaibungen gehängt. Die Fenster der Apsis verschloß man mit Sperrholz, den Rahmen des Altarbildes sowie alle anderen Holzeinbauten dunkelte man ebenfalls deutlich nach. Der Kirchenraum wurde „mystifiziert“. Offenbar wollte man so an die Ehrwürdigkeit der alten gotischen Klosterkirchen und Kathedralen anknüpfen, die von der Patina jahrhundertealten Rußes gekennzeichnet waren. Wegen der unkontrollierbaren Blendung vermauerte man die kleine Rosette über dem Bogen vor der Apsis und ersetzte sie durch ein Medaillon, das Jesus mit den ausgestreckten Händen der Jünger beim Abendmahl zeigte. Die Kronleuchter wurden gegen vier opake Leuchtkugeln ausgetauscht und so die Lichtverhältnisse bei Nacht optimiert. Die vorgenommene Verbreiterung des Altars um circa 1/2 Meter veränderte nicht nur die Größe des wichtigsten Prinzipalstücks, sondern auch die der Gotik entlehnten Proportionen des Raumes.
Versachlichung 1959
Bei der dritten Umgestaltung fand 1959 nach dem Entwurf des landeskirchlichen Baudirektors Albert Köhler (1915-) und des Kunstmalers Walther Senf (1909-1985) eine „Versachlichung“ der Kirche statt. Mehr Licht und Klarheit lösten das mystische Dunkel und die erzählerische Detailverliebtheit der Vorgangszeit ab. Wände, Dienste und Empore wurden weiß getüncht, die Säulen am Eingang hellgrau gestrichen. Das Rundbild mit der Abendmahldarstellung im Scheitel des Bogens über der Apsis ließ man hinter einem deckenden Anstrich verschwinden. Die Deckleisten der Schalbretter im Gewölbe erhielten eine helle Lackierung, sodass sie mit den Gurtbögen eine bauliche Einheit bildeten. Die alten, mit Blei verglasten Kirchenfenster ersetzte man durch in Dreiecke aufgelöste, profilierte Industriegläser. Außen schimmerten sie wie gotische Buntglasscheiben – Steinen gleich – opak, innen trat hingegen das Tageslicht gefiltert ein. Von der neogotisch-originalen Ausstattung blieb allein das Gestühl mit den geschnitzten Wangen erhalten, das man von seinem dunklem Anstrich befreite und dann in seiner naturfarbenen Haptik beließ. Den hölzernen Altar ersetzte man durch eine Konstruktion in Stein; die Mensa war ein Werkstück aus Adneter Marmor. Dem Vorschlag Albert Köhlers, den Altar aus der Apsis in den Kirchenraum zu verlegen, wurde von der Gemeinde allerdings nicht statt gegeben. Die Kanzel wurde jedoch abgebrochen und in reduzierter Höhenlage aus geschlämmtem Mauerwerk erneuert; wobei sie ein kubisches Erscheinungsbild erhielt. Das alte Taufbecken ersetzte man durch einen gemauerten Zylinder, auf dem ein rundes Becken aus Bronze ruhte.
In einer Stellungnahme an das Bad Reichenhaller Pfarramt gab der Landeskirchenrat zu Bedenken, dass das Gemälde von Ludwig Thiersch wegen seiner „ins Abbildhafte abgeglittenen Art“ nicht mehr den aktuellen Glaubensvorstellungen entspräche und durch ein Fresko oder eine Plastik ersetzt werden solle. Die Bedenken brachte er mit einer Textpassage aus der Apokalypse in Verbindung, die ihm nicht mehr zeitgemäß erschien: „Siehe, er kommt aus den Wolken und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn erstochen haben und es werden heulen alle Geschlechter der Erde.“
Das Altarbild wurde schließlich samt Rahmen abgenommen und durch ein einfaches, abstrakt anmutendes Holzkreuz mit einem kleinen Corpus Christi ersetzt. Im Zuge der Maßnahme entfernte man von der Rückwand der Apsis das Gesims, welches den Sockel von der aufsteigenden Wand trennte. Im Zusammenspiel mit dem Licht, das seitlich auf die nunmehr durchgängig weisse Wand fiel, entstand so ein vollkommen neuer sakraler Bildraum. Gefasst von einer roten Bordüre ersetzte er den konkreten Bildraum des Thierschen Gemäldes gegen einen modern abstrakten. Lichtmystik einfachster Art.
Behaglichkeit und Erzählung 1981
Ein erneutes Umdenken prägte zum 100. Jubiläum 1981 die vierte Umgestaltung. Anfangs wurde eine Re-Neogotisierung erwogen, die Idee jedoch im Zuge der weiteren Planung verworfen. Fehlende Originalsubstanz und neue liturgischen Vorstellungen führten zu einer neuen Interpretation des neogotischen Grundkonzepts. Anstatt der nüchtern-abstrakten Sachlichkeit zogen Behaglichkeit, Haptik und die konkrete Erzählung ein. Die Holzschalung der Gewölbe und der Orgelempore wurde freigelegt, die Fliesen des Kirchenbodens flächendeckend mit einem Teppich aus Sisal versehen.
Man holte den Altar aus der Apsis und setzte ihn als „Volksaltar“ auf ein neu geschaffenes Podest in den Kirchenraum; Lage und Umfang definierte ein im Fliesenboden bereits angelegtes Muster. Unter Verwendung der alten Mensa aus Adneter Marmor erneuerte man den Altar aus geschlämmten Mauerwerk. Die Kanzel baute man mit der bestehenden Treppenanlage komplett zurück und erneuerte sie als einfachen Ambo, der nunmehr – leicht erhöht – gemeinsam mit dem Altar auf dem Podest steht; ein Teil der alten Mensa fand dabei ebenso Verwendung wie die Bauweise des geschlämmten Mauerwerks. In die Apsis translozierte man stattdessen den bestehenden Taufstein und erklärte sie somit zur Taufkapelle.
Das Volumen der Kanzel wurde also ein weiteres Mal reduziert, wohingegen man den Altarbereich erweiterte. Diese kontinuierliche Verlagerung des Schwerpunkts führte optisch zu einer Schieflage der vorderen Raumschale. So trat mit der schwindenden Kanzel an der linken Seite der wegen der ehemaligen Treppenanlage gekürzte Wandpfeiler samt Dienst hervor. Durch die auftretende Störung der Symmetrie verlor die Wand vor der Apsis ihr Gleichgewicht.
Die hellbraune Farbe des Teppichs korrespondierte mit dem warmen Holzton des Gewölbes und den historischen Kirchenbänken, zudem harmonisierte sie mit dem an der Rückwand der Apsis neu geschaffenem Wandbild vom „Himmlischen Jerusalem“.
Das monumentale wandfüllende Gemälde interpretiert die in der Offenbarung des Johannes beschriebene Schlussszene der Apokalypse, in der das “Neue Jerusalem” als verheißene, aus sich heraus leuchtende Stadt beschrieben wird. Der physische Raum der Apsis wird durch den konkreten Bildraum der Darstellung optisch erweitert. Die Erweiterung erfolgt jedoch nicht durch eine abstrakte Fläche, sondern durch die bildliche Darstellung der Erzählung vom Lamm mit dem Buch mit den sieben Siegel und den sieben Leuchtern als „Herr aller Herren und König aller Könige“. Zwölf Engel offenbaren die Zukunft, zwölf Tore führen in die Stadt.
Über dem Altar – vor der runden Lichtgestalt des idealisierten Jerusalem – schwebt ein stilisiertes goldenes Kreuz. Seine Gestalt entspricht ebenfalls dem in der Offenbarung beschriebenen ideal-geometrische Aufbau des neuen Jerusalem als Kubus, dessen „Länge, Breite und Höhe gleich sind“. Die Arme des Kreuzes – Stadttoren gleich – weisen nicht nur nach oben und unten, rechts und links, senden auch nach vorne und hinten und vereinen so die sechs Hauptrichtungen an einem Ort.
Altar, Bild und Kreuz stehen in einer wechselseitig bedingten räumlichen Beziehung, welche neben immanenten, transzendente Impulse sammelt und entsendet. Dieses gelungene Zusammenspiel von Raumkonzept, Bildgestalt und Prinzipalien schufen der Architekt Franz Lichtblau (1928-2019), der Kunstmaler Hubert Distler (1919-2004) und der Bildhauer Friedrich Koller (geboren 1939). Doch das Konzept war von Anfang an umstritten, da die Gemeinde die dreidimensionale Skulptur als Kreuz nicht anerkannte. Darüber entbrannte ein Streit, der nur mit der Anbringung eines zweiten Kreuzes geschlichtet werden konnte. Mit dem Entwurf beauftragte die Gemeinde Hubert Distler. Das zweite Kreuz, aus Holz auf einer Scheibe links an der Wand vor der Apsis befestigt, stellte einen Zusatz dar, der sich nicht ins Gesamtkonzept fügte. Der Dopplung des Zeichens fehlte auch der Sinn'. Doch es kompensierte die Asymmetrie vor der Apsis.
Situation 2026
Nach circa fünfundvierzig Jahren steht die nächste Sanierung und möglicherweise fünfte Umgestaltung der Stadtkirche von Bad Reichenhall an.
Wo stehen wir? Wohin gehen wir? Wohin wollen wir gehen?
Wie tragen wir die Geschichte von der denkmalgeschützten neogotischen Grundkonzeption weiter?
Wie schreiben wir die Gegenwart in die Zukunft fort?
Kirchen werden weder in einer Generation erdacht, noch in einer Generation vollendet; permanente Auseinandersetzung und Umbau sichern ihren Fortbestand. Die Gestaltung einer Kirche besteht deshalb nicht ewig. An der Stadtkirche zeigt sich, dass ein Kirchenraum für ein dauerhaftes gesellschaftliches und theologisches Unterfangen steht. Sanierungen und Umgestaltungen stellen eine Chance dar und helfen beim Weiterkommen.
1 ⁄ 2026
Robert Rechenauer
Bildnachweis
Stadtkirche Bad Reichenhall
Andrew Phelps
Literaturhinweise
Evang.-Luth. Pfarramt Bad Reichenhall (Herausgeber), 125 Jahre Evangelische Stadtkirche Bad Reichenhall.
Hacker Theodor, Zur Geschichte der protestantischen Gemeinde Bad Reichenhall und ihrer Diaspora, Bad Reichenhall 1894.
Jansen-Winkeln Annette, Künstler zwischen den Zeiten – Hubert Distler, Eitorf und Mönchengladbach 2002.
Johannes von Patmos, Offenbarung in: Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift – Die Bibel – Gesamtausgabe, Stuttgart 1980.
Kolb Richard / Lichtblau Franz, Zur Hundert-Jahr-Feier der Evang. Stadtkirche Bad Reichenhall, in: 800 Jahre St. Nikolaus, 500 Jahre St.-Johannis-Spital, 100 Jahre Evangelische Kirche, Bad Reichenhall. Herausgeber: Katholisches Stadtpfarramt St. Nikolaus / Stadt Bad Reichenhall / Evang.-Luth. Pfarramt, Mittelfelder 1981